Protein auf sechs Beinen

Dieser Beitrag gehört zu einer Serie, in der ich neue Lebensmittel als Teil einer Progressiven Ernährungswende vorstelle. Denn den Herausforderungen der Zukunft können wir nur mit Lösungen der Zukunft begegnen. Wir müssen nicht nur die Art wie wir produzieren, sondern auch die Art wie wir konsumieren neu denken! Nach dem Prolog zur Serie will mich jetzt auf die konkreten Chancen konzentrieren, die neue Lebensmittel bieten: zum Beispiel ein geringer Verbrauch von Ressourcen und Fläche, wenig negative Einflüsse auf Umwelt und Klima, völlig neue Arten der Produktion in Kreisläufen oder in den Megastädten von morgen. Und damit es nicht zu theoretisch bleibt, habe ich umfangreiche Selbstversuche vorgenommen. Am Schluss jedes Beitrags steht ein kurzes Zukunftsszenario.

Sechsbeinige Nutztiere der Zukunft

Bisher haben wir vor allem eine Art aus dem großen Reich der Insekten in nennenswertem Umfang als Nutztier gehalten: Die Honigbiene1. Ihre Arbeitskraft wird inzwischen für die Honigproduktion und die Bestäubung von Nutzpflanzen weltweit genutzt und geschätzt, die Tierchen selbst blieben jedoch bisher verschont. Und zwar werden Insekten schon seit langem und in vielen Teilen der Erde gegessen, dabei handelt es sich jedoch fast ausschließlich um wilde Tiere, die gefangen bzw. gesammelt werden. Erst seit etwa 25 Jahren werden Insekten in Farmen gehalten und gezielt vermehrt, z. B. in Thailand2.

Der Gedanke, dass Insekten ein ernstzunehmendes Lebensmittel für Menschen sein könnten, ist alles andere als neu. Bereits 1951 schrieb zum Beispiel ein Herr Bodenheimer in seiner Veröffentlichung „Insects as Human Food“: „It is actually astonishing that the real and basic importance of insects as food for early and primitive man has been so long ignored.“3 Er verweist darin auch auf Veröffentlichungen aus den 1920er Jahren und früher, die diesen Gedanken auch bereits äußerten. Aus dieser Erkenntnis, dass Insekten auf dem Speiseplan frühzeitlicher Menschen standen, leitete sich schnell die Frage ab, warum das nicht wieder der Fall sein könnte. Während der beiden Weltkriege, als Lebensmittel knapp wurden, lebte das Interesse an alternativen Proteinquellen zwar zeitweilig wieder auf (vor allem auch an mikrobiellem Protein, dazu mehr in einem zukünftigen Teil dieser Serie). Doch seitdem Fleisch, Eier und Milch günstig und für jedermann zur Verfügung stehen, hatte man das Interesse an solchen Alternativen schnell wieder verloren. Aus dem Bewusstsein heraus, dass immer mehr Menschen auf dieser Welt immer mehr Ackerfläche für ihre Ernährung benötigen, rücken alternative Proteinquellen wie Insekten nun wieder in den Fokus des Interesses.

Mehr als nur ein Hype

Seit Anfang 2018 gibt es sie nun offiziell auch bei uns4.: Lebensmittel, in denen Insekten verarbeitet sind. Und auch wenn sich die Zulassung nicht immer einfach gestaltet5, finden sich bereits viele unterschiedliche Lebensmittel mit den kulinarischen Krabblern und Kriecher im Onlinehandel6 und in unseren Supermarktregalen. Eins der ersten Produkte war der Proteinriegel, weil man die Zielgruppe der ernährungsbewussten, sportlichen Menschen ausgeguckt hat. Denn Insekten glänzen vor allem auch durch ihre gesunden Inhaltsstoffe7. Aber auch Insektenburger, Schokolade oder Pasta mit Insekten gibt es bereits. Im Falle der Insekten als alternative Proteinquelle passiert die Zukunft also quasi schon heute! Wir sind bereits mittendrin. Noch weiter fortgeschritten ist sogar die Anwendung als Tierfutter. Fische, Nutztiere und sogar Haustiere sollen Insekten fressen, statt Fischmehl, Fleisch oder Soja aus womöglich nicht nachhaltigem Anbau. Und dabei geht es nicht mehr nur um kleine Pilotprojekte. Das Industrieunternehmen Bühler, u. a. spezialisiert auf Anlagenbau und Prozesstechnik, plant und baut zusammen mit dem niederländischen Unternehmen Protix in einem Joint Venture die erste Großanlage für die Produktion von Insekten in Europa8.

Uns von Insekten zu ernähren könnte einige Vorteile mit sich bringen9. Sie enthalten prozentual zu ihrer gesamten Körpermasse mehr Protein als Schweine, Rinder oder Hühner. Mit der Nahrung aufgenommenes Protein wandeln sie sehr effizient in eigenes Protein um und ein viel größerer Anteil ihrer Körpermasse ist essbar (etwa 80%, gegenüber nur etwa 40% beim Rind)10. Sie vermehren sich außerdem sehr schnell und sind dabei in ihrer Haltung viel weniger anspruchsvoll als andere Tiere. Diese biologischen Vorteile können zu einer effizienteren Proteinproduktion führen. Das wiederum könnte unser Ernährungssystem nachhaltiger machen. Und eine neue Einkommensquelle für die Landwirte von morgen darstellen11.

Energieverbrauch und CO2-Fußabdruck

Insekten sind im Gegensatz zu Säugetieren wechselwarm. Das heißt, ihre Körpertemperatur gleicht sich der Außentemperatur an und sie verbrauchen nicht einen Großteil ihrer Energie zum Heizen, wie es gleichwarme Tiere tun. Das wirkt sich positiv auf die Energiebilanz und damit auf den Ausstoß von CO2 pro produziertes Protein aus.12. Allerdings ist die ganze Sache dann doch nicht ganz so einfach… denn die Tierchen wollen es ja trotzdem muckelig warm haben. Und weil sie dafür nicht selbst sorgen können (wechselwarm) müssen Insektenfarmen in kühleren Gebieten geheizt werden oder können nicht das ganze Jahr über produzieren. In der Verwertung ihres Futters sind Insekten also zwar effizienter als Rinder oder Schweine, dafür kann eine aufwendige Klimatisierung diesen Vorteil in der Gesamtbilanz zumindest teilweise wieder zunichte machen13. Deshalb haben Insektenfarmen in Europa zwar einen Vorteil durch kürzere Transportwege (wenn sie für den heimischen Markt produzieren), müssen aber im Gegensatz zu Farmen in den warmen Ländern einen Großteil des Jahres beheizt werden.

Die klimatischen Bedingungen des Produktionsstandortes, die Bedürfnisse der produzierten Insektenart (sicherlich durch Züchtung optimierbar) und die lokale Verfügbarkeit regenerativer Energien dürften also entscheidende Faktoren für den CO2-Fußabdruck der Insektenproduktion sein.

Wasserverbrauch

Trinkwasser ist in vielen Teilen dieser Welt bereits jetzt eine wertvolle Ressource. Die höhere Effizienz bei der Verwertung ihres Futters wirkt sich auch auf den sogenannten virtuellen Wasserverbrauch von Insekten aus. In den virtuellen Fußabdruck wird auch das gesamte Wasser eingerechnet, dass für die Produktion der Futterpflanzen verbraucht wird (also nicht nur das, was die Tiere selbst trinken14). Auch dieser Wert ist nicht unumstritten, denn je nach Gebiet werden die Pflanzen nicht künstlich bewässert, sondern hauptsächlich durch Regen (der dann als Wasserverbrauch eingerechnet wird). Momentaner Kenntnisstand ist jedenfalls: Insekten brauchen weniger Wasser als andere Tiere, um für uns hochwertiges Protein zu produzieren10. Dieser Effekt (und die gesamte Effizienz) ist zusätzlich größer, wenn für die Insekten gar keine Futterpflanzen angebaut werden müssen, sondern stattdessen Lebensmittelreste genutzt werden können (dazu gleich mehr).

Viel Protein auf wenig Raum

Wenn man davon spricht, wie viel oder wenig Fläche das ein oder andere Nutztier benötigt, meint man vor allem die Fläche, die für den Anbau des Futters benötigt wird. Der Platz, den die Ställe oder Produktionsstätten einnehmen ist vergleichsweise zu vernachlässigen. Das ist auch bei Insekten nicht anders. Weniger Futterpflanzen, bzw. eine höhere Effizienz mit der diese von den Tieren verwertet werden, heißt also auch weniger Flächenverbrauch und theoretisch mehr Raum für Natur und andere Nahrungsmittel. Da Insekten ihr Futter effizienter in Protein umwandeln als andere Tiere verbraucht ihre Produktion also weniger Fläche. Hinzu kommt: Insekten können auch sehr gut von Lebensmittelabfällen leben. Sie brauchen also vielleicht gar keine extra für sie angebauten Futterpflanzen!15 Man kann sie außerdem artgerecht auf relativ geringem Raum halten. Perfekt also für urbane Produktion in den immer weiter wachsenden Städten. Oder sogar für die Nahrungsversorgung von Astronauten oder zukünftigen Kolonisten im Weltraum16. Dafür muss allerdings gewährleistet sein, dass der verfütterten Reste von ausreichender Qualität sind, damit die Tiere keine für den Menschen ungesunde Stoffe aufnehmen. Wahrscheinlich muss der Abfall dazu ständig kontrolliert und behandelt werden. Eine weitere Hürde auf dem Weg zur Großproduktion ist zudem, dass über mögliche Krankheitserreger bei Insekten noch wenig bekannt ist. Es muss untersucht werden, mit welchen Erregern sich Insekten in einer Produktionsstätte mit vielen Tausend Tieren infizieren können und wie eine Vorbeugung aussehen müsste17. Allerdings sollte man bei allen nötigen Vorsichtsmaßnahmen und Beschreibung der Risiken nicht vergessen: Auch unsere jetzigen Proteinquellen stellen ein ständiges Gesundheitsrisiko dar. Keime, die durch tierische oder pflanzliche Produkte übertragen werden können, zählen weiterhin zu den größten Gesundheitsrisiken in Deutschland18.

Neue Kreisläufe

Sozusagen die Kür für neue Lebensmittel ist es, wenn ihre Herstellung sich in bestehende Stoffkreisläufe integriert oder sogar Kreisläufe schließt. Und Kreisläufe sind das, was wir brauchen, wenn wir unsere Wirtschaft und auch unser Ernährungssystem nachhaltig machen wollen19. Die Verschwendung von Lebensmitteln trägt vor allem in westlichen Industrieländern maßgeblich zur Ineffizienz des Ernährungssystems bei. Es ist momentan quasi ein linearer Stoffstrom, der wertvolle Ressourcen in Abfall verwandelt. Speisereste haben jedoch eine hohe Energiedichte und sind dadurch eigentlich vielmehr ein wertvoller Rohstoff als wirklicher Abfall. Das wird inzwischen erkannt und man beginnt damit, diesen Rohstoff über die Kompostierung hinaus zu erschließen, zum Beispiel für die Herstellung von Biogas. Aber könnten wir ihn nicht auch zumindest teilweise wieder in unseren Nahrungskreislauf integrieren? Insekten wären dabei die perfekten Helferlein indem sie einerseits als Essen für uns oder als Tierfutter dienen und andererseits Lebensmittelabfälle verwerten. Die oben erwähnte Großanlage von Bühler und Protix soll beispielsweise irgendwann mehrere hundert Tonnen altes Brot und andere Abfälle pro Tag in Insekten „umwandeln“20.

Die Produktion von Insekten als Lebens- und Futtermittel kann Stoffkreisläufe in unserem Ernährungssystem schließen (Bild: © Daria Chrobok)

Aber neue Proteinquellen produzieren meist auch neue Reststoffe. Die Hüllen bzw. Panzer von Insekten bestehen aus Chitin und bleiben als Reststoff bei der Futter- und Lebensmittelproduktion übrig. Es gibt jedoch bereits jetzt spannende Ansätze, um aus Chitin verschiedene Materialien herzustellen oder zu verbessern. Am Fraunhofer Institut forscht man daran, schädliche Chemikalien in Textilien durch Chitosan zu ersetzen21. Auch die Reste, die bei der Produktion von Lebensmitteln aus Insekten entstehen, könnten also hochwertig und sinnvoll weiterverwendet werden.

Das große Krabbeln

In den letzten Jahren gab es einen richtigen Hype um essbare Insekten, der noch immer andauert. In den Berichten zahlreicher renommierter Organisationen wurden Insekten zu einer vielversprechenden neuen Nahrungsquelle für die Menschheit ausgerufen. Auch die Medien greifen das Thema gerne auf und spielen mit Gruselfaktor und Chancen für Nachhaltigkeit gleichermaßen.  An immer mehr Instituten wird ernsthaft an Insekten als Lebens- und Futtermittel geforscht. Und immer mehr Start-ups bringen ihre Produkte mit Erfolg unter die Leute: Den Insektenburger von Bugfoundation gibt es inzwischen bei Rewe im Kühlregal, die Riegel von Swarm Protein bei Edeka und den von Bearprotein bei Biocompany. Dazu gibt es zahlreiche Onlineshops auf denen man Insektenpasta, Insektenmehl und ganze Insekten zum Snacken bestellen kann. Es gibt Insektenprodukte zum Kochen (weiter unten sind einige Selbstversuche dokumentiert) Insektenkochbücher, Insekten-Kochkurse (habe einen Gutschein geschenkt bekommen, noch nicht eingelöst) und auf Insektenköche (auf der Internationalen Grünen Woche gesehen). Eigentlich handelt es sich also gar nicht mehr wirklich um ein Lebensmittel der Zukunft sondern der Gegenwart.

Auf dem Foto ganz links ist ein sehr empfehlenswertes Buch über Insekten gezeigt, “On Eating Insects”, erschienen bei Phaidon. Darin finden ich Reisetagebücher, Erfahrungsberichte und Rezepte aus aller Welt. Auf der Internationalen Grünen Woche gab es viele Informationen zu Insekten und einiges zu probieren, u.a. im Ausstellungsbereich des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) (Fotos: © Martin Reich).

Erwartungs- und erfahrungsgemäß reagieren viele Menschen…naja sagen wir mal reserviert, wenn sie an das Verspeisen von Insekten denken (oder mich dabei beobachten). Es gibt schon einige Untersuchungen dazu, wie eine Abneigung oder Bereitschaft Insekten zu essen zustande kommt22. Am Ende kann nur jeder für sich selbst sprechen, wenn es um Geschmack geht. Deshalb jetzt (Trommelwirbel):

Eigene Erfahrungen (und Versuche an Freiwilligen)

Nur über Insekten zu lesen und zu schreiben war mir nicht genug. Man muss etwas schon selbst probieren, um wirklich mitreden zu können. Also habe ich seit gut zwei Jahren alle möglichen Produkte mit Insekten gekauft und gegessen – fast immer positiv überrascht.

Also mal sehen, ich habe…

…in einem vietnamesischen Restaurant in Berlin eine Schale Seidenraupen gegessen

Foto: © Martin Reich

Ich habe sie tatsächlich komplett aufgegessen. An sich lecker aber das war dann doch etwas zu viel. Insekten haben einen gewissen Eigengeschmack, das kann man nicht leugnen. Mit etwas mehr Beilagen wäre das Gericht besser. Meine Begleitung konnte sich nicht mal dazu überwinden, eine einzige Raupe zu probieren. Aber sie isst auch keine Meeresfrüchte, ich denke da gibt es einen gewissen Zusammenhang (wer kann behaupten, Insekten sähen gruselig aus und sich dann eine Garnele reinziehen?).

…Insektenburger und -falafel gebraten

Foto: © Martin Reich

Zunächst von Essento, von einem Freund aus der Schweiz eingeschmuggelt, später dann von Bugfoundation. Bei Burgern sind Insekten verarbeitet und nicht mehr als solche zu erkennen. Manche finden das gut, andere nicht. Zu meiner großen Überraschung hat in der Vorweihnachtszeit meine Mutter als Einzige mit mir die Insektenfalafel gegessen (sie hatte kurz davor eine Dokumentation über Insekten als Lebensmittel der Zukunft gesehen). Der Burger scheint übrigens so eine Art Benchmark-Produkt für neue Proteinquellen zu sein. Er ist eben ein sehr beliebtes und praktisches Gericht und man kann aus fast allem ein Patty machen. Wenn es erstmal In-vitro-Fleisch und Algenprotein auf dem Markt gibt, könnte man einen großen Burger-Vergleichstest mit Pattys aus Fleisch, In-vitro-Fleisch, Quinoa, Tofu, Insekten, Mykoprotein, Algen usw. machen! Aber ich schweife ab.

…den Kollegen Insektensnacks serviert

Foto: © Martin Reich

Kamen nicht so gut an, nur ein oder zwei Kollegen haben zugegriffen. Die Mehrheit findet unverarbeitete Insekten eher abstoßend. Ich finde sie megalecker, ganz im Ernst. Sind knusprig wie Erdnussflips o.ä. Snacks. Nur das Chitin zwischen den Zähnen stört etwas. Vielleicht kann man da über die Züchtung etwas machen? Weniger oder weicheres Chitin?

…meiner Cousine Insektenschokolade geschenkt

Foto: © Martin Reich

Kam gut an (auch weil man Oma damit toll ärgern konnte). Generell sind junge Menschen wahrscheinlich offener, was neue Lebensmittel angeht. Als lustiges Geschenk reicht es allemal.

…verschiedene Riegel probiert

Foto: © Martin Reich

Mindestens vier Riegel von unterschiedlichen Herstellern habe ich bisher gegessen. Die Riegel sind eher trocken, aber das sind Proteinriegel ja meistens. Der Geschmack hängt vor allem von den sonstigen Zutaten ab, es ist meist nur (fast enttäuschend) wenig Insekt enhalten. Aber als sinnvoller Snack zwischendurch bei der Arbeit sind sie sehr gut geeignet: Protein macht wach.

…Insektenpasta gekocht und mit gerösteten Mehlwürmern garniert

Foto: © Martin Reich

 

Extra für diesen Beitrag habe ich mich nach der Arbeit ins Zeug gelegt und Nudeln mit Insekten gekocht. War sehr lecker, auch wenn ich bei den Nudeln keinen Insektengeschmack identifizieren konnte (die Nudeln hatten zusätzlich Basilikumgeschmack). Aber mehr Protein und weniger Kohlenhydrate ist ja nicht verkehrt, quasi als Alternative zu Eiernudeln. Die Mehlwürmer habe ich geröstet und gewürzt, hat gut zu den eher weichen Nudeln gepasst.

…Heuschrecken und Buffalowürmer auf der Internationalen Grünen Woche verspeist

Unter den bewundernden Blicken älterer Damen und begeisterter Anfeuerung durch die Aussteller. Schmecken gar nicht viel anders als anderes Knabberzeug, kommt natürlich sehr auf die Würzung an. Auf der Grünen Woche gab es wie gesagt sogar einen Insektenkoch. Der hat es also drauf, deshalb war alles sehr lecker.

…einen Drink mit gemahlenen Insekten getrunken

Ging so…für mich eines der Produkte, das sich eher nicht durchsetzen wird. Man muss ja auch nicht auf Teufel komm raus alles mit Insekten machen 😀

…Insektenchips gegessen

Von Chirps Chips, einem Start-up aus den USA. Seeehr lecker. Aber habe keine Insekten herausgeschmeckt.

Insgesamt bin ich begeistert von der Vielfalt an Produkten und werde weiterhin alle Neuheiten probieren. Mein Eindruck ist aber auch, dass an den Rezepturen häufig noch gefeilt werden kann (und sicherlich auch wird). Als Fazit meines Selbstversuches und der Resonanz in meinem Umfeld kann ich aber sagen: Insekten zu essen kann mehr sein als nur ein kurzfristiger Hype. Man kann Lebensmittel mit Insekten nicht nur essen, sie schmecken oft sogar sehr gut. Und es geht ja nicht darum, nur noch Insekten zu essen. Ich persönlich kann mir sehr gut vorstellen, zukünftig regelmäßig Produkte mit Insekten zu kaufen und so meinen Teil zu einer progressiven Ernährungswende beizutragen.

Zukunftsvision – 2020

Du stehst morgens auf und schnappst dir einige Mehlwürmer, die du am Abend zuvor aus deiner hauseigenen Insektenfarm geerntet und getrocknet hast und wirfst sie in dein Müsli. Dann machst du dir einen Salat, den Du mit auf die Arbeit nimmst. Die Gemüsereste kommen in die Insektenfarm, als Futter für die Tierchen. Dieser Kreislauf deckt natürlich nur einen Teil deines Proteinbedarfs, aber immerhin. Als Nebenprodukt fällt außerdem Kompost an, den du in deinem kleinen Garten als Dünger für Salat und Gemüse nutzt. Mittags in der Kantine gibt’s seit Kurzem einmal im Monat Insektenburger. Schmeckt ähnlich wie Falafel und erstaunlich viele Kollegen lassen dafür das Schnitzel links liegen. Du hast in den Nachrichten gehört, dass in Deiner Stadt eine erste Insektenfarm geplant ist. In einer Kooperation mit einigen Supermarktketten sollen Lebensmittelabfälle als Futter für die Tierchen genutzt werden. Irgendwie soll das auch mit einer Biogasanlage gekoppelt werden, die direkt daneben gebaut wird, so ganz hast du das nicht verstanden. Aber du willst Deinem Bruder davon erzählen. Er ist bald mit seinem Bioökonomiestudium fertig und vielleicht könnte er dort ja anfangen zu arbeiten.

Bild: © Daria Chrobok

Martin Reich

Martin ist Mitgründer von progressiveAgrarwende und promovierter Biologe. Während seiner Promotion hat er vor allem an der Nährstoffeffizienz von Nutzpflanzen geforscht. Heute ist er in der Life Science Kommunikation und als wissenschaftlicher Referent für Themen wie Bioökonomie, Biotechnologie und Ernährung tätig.
Martin Reich

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Einzelnachweise

  1. Außerdem nennenswert sind noch die Haltung der Raupe des Seidenspinners zur Herstellung von Seide und die von Schlupfwespen für die biologische Schädlingsbekämpfung
  2. Eine gute Übersicht dazu gibt es hier https://www.imago-insects.com/blogs/news/blog-in02
  3. Bodenheimer, F. S. (1951). Insects as human food (pp. 7-38). Springer, Dordrecht.
  4. Vorher gab es zwar bereits erste Produkte, aber es war nicht ganz klar, wie diese in der EU reguliert sind. Deshalb entschieden sich viele Länder, Lebensmittel dieser Art vorerst besser gar nicht zuzulassen. Seit über einem Jahr fallen sie aber nun offiziell unter die EU-Verordnung für neuartige Lebensmittel (Novel Food Law). Diese umfasst alle Lebensmittel, die vor einem Stichtag im Jahre 1997 in nicht signifikantem Ausmaß in Europa verzehrt wurden. Um sicherzustellen, dass von ihnen keine Gefahr für uns Verbraucher ausgeht, müssen solche Lebensmittel nach einem entsprechenden Antrag bei der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, EFSA, eine Prüfung durchlaufen bevor sie zugelassen werden. Dies stellt einerseits gewisse Standards sicher, andererseits auch eine Hürde für Innovation dar, denn ein solcher Antrag ist mit nicht unerheblichenm bürokratischem Aufwand, Bearbeitungszeit und somit Kosten verbunden. https://www.bvl.bund.de/DE/08_PresseInfothek/01_FuerJournalisten_Presse/01_Pressemitteilungen/01_Lebensmittel/2018/2018_01_16_PI_Insekten.html?nn=1401276
  5. Die ganze Liste bisher zugelassener Lebensmittel ist öffentlich einsehbar,ist aber ohne Kenntnisse der lateinischen Artnamen eine ziemlich trockene Lektüre. http://ec.europa.eu/food/safety/novel_food/catalogue/search/public/index.cfm
  6. z. B. https://snackinsects.com/ oder https://www.exosnacks.de/Insekten
  7. Eine Übersicht zu den vorteilhaften Inhaltsstoffen von Insekten findet sich in dieser Präsentation von Mitarbeitern des Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie e.V. (ATB) https://mobil.bfr.bund.de/cm/343/insekten-naehrstoffe-und-wertgebende-inhaltsstoffe.pdf
  8. https://www.tagblatt.ch/wirtschaft/insekten-als-tierfutter-buehler-mischt-mit-an-vorderster-front-und-spannt-mit-alfa-laval-zusammen-ld.1099332
  9. 100g Raupen können zum Beispiel etwa 76% des Tagesbedarfs an Protein decken. Diese und mehr Fakten und entsprechende Quellen sind in diesem Dossier zusammengetragen worden: https://biooekonomie.de/insekten-kost-proteinquelle-mit-zukunft Allerdings schwanken die Inhaltsstoffe sehr zwischen verschiedenen Arten und es ist bisher unklar, wie sich eine Produktion im großen Maßstab auswirken würde.
  10. https://biooekonomie.de/insekten-kost-proteinquelle-mit-zukunft
  11. Siehe u. a. https://www.agrarheute.com/landundforst/betrieb-familie/gruselig-zukunftstraechtig-544472
  12. http://www.fao.org/3/i3253e/i3253e.pdf
  13. Eine Life-Cycle-Analysis verschiedener Produktionssysteme findet man u.a. in https://link.springer.com/article/10.1007/s13593-017-0452-8#Sec10
  14. Eine kurze Übersicht zum virtuellen Wasserverbrauch gibt es u. a. hier https://www.planet-wissen.de/natur/umwelt/wasserversorgung_in_deutschland/pwiedasvirtuellewasseroderversteckteswasser100.html
  15. Auch Schweine wurden über Jahrhunderte hinweg mit Lebensmittelabfällen gefüttert. Erst die 2003 in England ausgebrochene Maul- und Klauenseuche, wahrscheinlich durch unbehandelte Lebensmittelabfälle übertragen, veranlasste die EU zu einem Verbot. In anderen Ländern, z. B. in Japan, wird diese Art der Fütterung weiterhin praktiziert. Eine Erhitzung der Abfälle tötet Keime ab.
  16. https://motherboard.vice.com/en_us/article/8q8kzk/mars-food-space-potatoes-crops
  17. Die vorhandenen Risiken legt Bernd Schäfer vom BfR in diesem Interview dar: https://www.deutschlandfunk.de/insekten-als-lebensmittel-risiken-und-nebenwirkungen-nicht.676.de.html?dram:article_id=355068
  18. https://www.bvl.bund.de/DE/01_Lebensmittel/05_Fachmeldungen/2018/2018_09_06_Jahresbericht_Krankheitsausbr%C3%BCche.html
  19. http://www.oecd.org/agriculture/events/circular-approach-and-the-sustainability-of-the-agro-food-system-3-april-2019.htm
  20. https://www.tagblatt.ch/wirtschaft/insekten-als-tierfutter-buehler-mischt-mit-an-vorderster-front-und-spannt-mit-alfa-laval-zusammen-ld.1099332
  21. https://www.igb.fraunhofer.de/de/presse-medien/presseinformationen/2018/insekten-liefern-chitin-als-grundstoff-fuer-die-textilindustrie.html
  22. In dieser Studie wird zum Beispiel die Insekten-Ess-Motivation von Deutschen und Chinesen verglichen: Hartmann, C., Shi, J., Giusto, A., & Siegrist, M. (2015). The psychology of eating insects: A cross-cultural comparison between Germany and China. Food quality and preference, 44, 148-156. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0950329315001044

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