Eine neue Vision für die Landwirtschaft

Dies ist der dritte und letzte Teil der Reihe Progressive Perspektiven für die Agrarwende, in der ich die Probleme des Agrarwende-Narrativs untersuche, und Lösungsansätze vorschlage.

Wie ein neues Narrativ für eine wirklich zukunftsfähige Landwirtschaft entstehen könnte

Wir stehen vor der Aufgabe, immer mehr Menschen nachhaltig zu ernähren und dabei sowohl die Ökosysteme der Erde zu bewahren als auch wirtschaftliche und soziale Ungerechtigkeiten zu bekämpfen.

In den ersten beiden Teilen dieser Reihe habe ich erklärt, warum ich die Ideen hinter der Agrarwende in ihrer jetzigen Form als Wegweiser zur Lösung dieser Aufgabe für ungeeignet halte.

Auf der anderen Seite droht die Landwirtschaft, sich immer weiter der betriebswirtschaftlichen Logik der Konzerne unterzuordnen. Gemeinwohlinteressen weichen Kapitalinteressen, Boden und Saatgut konzentrieren sich auf immer weniger Menschen, Gemeingüter werden geplündert oder verschmutzt.

Widerstand ist also notwendiger denn je.

Die traditionelle Agrarwende muss endlich durch ein wirklich zukunftsfähiges, mitreißendes Narrativ ersetzt werden. Innovative Konzepte, wie Agrarökologie, Permakultur oder Open-Source-Saatgut können da wunderbar hineinpassen, wenn sie sich auch anderen Entwicklungen nicht verschließen.

Die soziale und ökologische Bewegung, die die Agrarwende damals ausgerufen hat, würde gut daran tun, diese Erneuerung nicht zu bekämpfen sondern zu gestalten.

Technik in der Landwirtschaft

Landwirtschaft bedeutet immer einen Eingriff in die Natur. Natürliche Ökosysteme, die sich über Jahrmillionen entwickelt haben, basieren auf geschlossenen Kreisläufen und sind in der Regel sehr stabil.

Weil diese aber nicht in der Lage sind, alle Menschen mit Nahrung, Kleidung und anderen Rohstoffen zu versorgen, wurden sie von Menschen seit der neolithischen Revolution verändert.

Dabei haben die Menschen im Rahmen ihrer Möglichkeiten technische Hilfsmittel eingesetzt. Kulturlandschaften sind immer ein Ausdruck, der genutzten Technologien.

Mechanische und digitale Technik

Als im Zuge der klassischen Industrialisierung1 die Maschinen immer größer und stärker wurden, sind also Kulturlandschaften entstanden, die gut zu riesigen Landmaschinen passten. Angeboten haben sich dafür z. B. Monokulturen und Flurbereinigung. Die Ökosysteme selbst wurden so sehr in die mechanisch-technischen Prozesse eingebunden, dass alle verbliebenen ökologischen Wechselwirkungen als  Störfaktoren betrachtet wurden.

Heute wird immer stärker deutlich, wie wichtig Biodiversität und ökologische Wechselwirkungen auch für uns Menschen sind.

Diese mittlerweile existenziellen ökologischen Probleme sind allerdings keineswegs, wie oft behauptet wird, eine Folge von „moderner Technik“ im Allgemeinen.

Vielmehr sind sie eine Folge der Grobschlächtigkeit der Technik des frühen 20. Jahrhunderts. Nur weil es nicht möglich war, technisch auf die individuelle Lebendigkeit der Agrarökosysteme einzugehen, wurden stattdessen Agrarsysteme geschaffen, mit denen die gewaltigen Traktoren und Mähdrescher umgehen konnten.

Heute ist der Stand der Technik zum Glück ein völlig anderer. In den meisten anderen Branchen gelten die Paradigmen der frühen Industrialisierung als längst überholt. Fast überall dominieren seit Jahren Automatisierung und intelligente vernetzte Systeme2.

Im Gegensatz zu der alten, groben mechanischen Technik sind insbesondere die jüngsten technischen Methoden dazu geeignet, Ökosysteme gezielt zu nutzen, ohne sie dafür zerstören zu müssen.

So können zum Beispiel kleine Agrarroboter viele Aufgaben übernehmen. Durch ein deutlich geringeres Gewicht wird übermäßige Bodenverdichtung vermieden. Durch intelligente Sensorik können Schädlinge oder unerwünschte Beikräuter gezielt erkannt und beseitigt werden, anstatt breitflächig Pflanzenschutzmittel ausbringen zu müssen.3

Die rechteckige monokulturelle Pragmatik der Agrarindustrie könnte schon bald nicht mehr nötig sein. Wenn wir wollen, werden kleine Roboter flexibel und intelligent genug sein, um sich in Agroforstsystemen und Permakultur zurechtzufinden.

Es gibt mittlerweile hochtechnische Gewächshäuser „wo durch exakte Klimasteuerung Krankheiten  gar nicht auftreten, Bienen zur Befruchtung ausgesetzt werden und verschiedene natürliche  Feinde mit allerlei Schädlingen aufräumen“4 oder innovative Methoden wie Vertical Farming oder Aquaponik.

Die Digitalisierung ermöglicht neue Formen der Direktvermarktung für einzelne Erzeuger*innen oder solidarische Kooperativen.

All diese Ideen können ganz neue Formen von Landwirtschaft hervorbringen, die unvergleichlich ressourcenschonend sind und ganz gezielt mit funktionierenden Ökosystemen interagieren.

Biotechnologie

Ähnlich verhält es sich mit biotechnologischen Methoden. Anstatt giftige Chemikalien als Schutz gegen Krankheiten ausbringen zu müssen, können mit gentechnischen Methoden Sorten gezüchtet werden, bei denen diese Krankheiten gar nicht erst auftreten.

Werden dennoch Pflanzenschutzmittel gebraucht, gibt es mittlerweile Wirkstoffe, die wohl ökologisch verträglicher sind, als z. B. das im Biolandbau zugelassene Fungizid Kupfer.

Nicht zuletzt entstehen neue Möglichkeiten, Feldfrüchte als Rohstoff zu ersetzen. Viele Stoffe können schon heute effizient mithilfe von Mikroorganismen hergestellt werden, ohne dabei kostbares Ackerland oder Erdöl zu verbrauchen.

Zum Beispiel werden in Bioreaktoren Algen für Biodiesel oder Futtermittel kultiviert.5

Aber auch das ressourcenintensive und moralisch fragwürdige Züchten und Töten von Tieren zur Fleischgewinnung, könnte bald durch Alternativen aus der Mikrobiologie ersetzt werden. Dies geschieht wahlweise indem Eiweiße aus Mikroorganismen extrahiert werden um ein fleischähnliches Produkt herzustellen6 oder indem aus tierischen Muskelzellen echtes Fleisch gezüchtet wird7.

So kann Ackerland, als limitierender Faktor der Menschheit im 21. Jahrhundert, eingespart, und wo notwendig, so effektiv wie möglich genutzt werden.

Umgang mit neuer Technik

Moderne Technologien, wie die beispielhaft beschriebenen, werden einen entscheidenden Beitrag zu der Transformation hin zu einer sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltigen Landwirtschaft leisten.

Die Umsetzung dieser Ideen gewinnt in Fachkreisen zunehmend an Bedeutung. Auch die ökologische Agrarwissenschaft öffnet sich diesen Themen immer mehr.

In der Öffentlichkeit, grüner Politik und in Umwelt- und Naturschutzverbänden werden diese Möglichkeiten aber kaum wahrgenommen. Hier dominiert noch immer das Ideal einer Landwirtschaft, die möglichst ohne Technik, mindestens aber ohne moderne Technik auskommt.

Neue Deutungskämpfe

Oft habe ich den Eindruck, dass die aktuelle Agrarwende einfach in jeglicher Hinsicht das genaue Gegenteil von der Selbstdarstellung der Industrie anstrebt.

In Teil 2 habe ich gezeigt, dass so kein sinnvolles Narrativ entstehen kann. Stattdessen müssen die propagandistischen Selbstdarstellungen der Konzerne hinterfragt und die Deutungshoheit erkämpft werden.

Das neue Narrativ der Agrarwende muss den egoistischen Werten der Agrarindustrie soziale und wirklich menschenfreundliche Werte entgegensetzen. Die angeblich so „ideologiefreie“ Rationalität der Konzerne muss konsequent als die neoliberale Ideologie entlarvt werden, die sie ist.

Dafür braucht gar nicht irgendein metaphysischer Selbstwert von Arten oder Ökosystemen beschworen zu werden. Es darf nicht untergehen, dass soziale und umweltfreundliche Landwirtschaft auch für das Wohl und die Freiheit der Menschen entscheidend ist.

Es stimmt, dass sich die sehr spezifischen Studien der Industrie oft nur bedingt eignen, um die komplexen Agrarökosysteme ausreichend zu verstehen.

Aber anstatt sich deswegen gleich von der ganzen Naturwissenschaft abzuwenden, sollten hier weiter interdisziplinäre, ganzheitliche Ansätze verfolgt werden, wie es z. B. die Agrarökologie vormacht.

Nicht zuletzt dürfen wir der Agrarindustrie den Begriff der „modernen Landwirtschaft“ nicht kampflos überlassen. Das fällt nicht schwer, denn dahinter verbirgt sich meistens das frühindustrielle Paradigma der großen, starken Maschinen und die Unterwerfung der Natur.

Die beschriebene neue Agrarwende mit ihren smarten Robotern, nachhaltig angepasstem Saatgut und einem detaillierten Verständnis der komplexen Ökosysteme erscheint mir da viel moderner.

Neue Visionen für die Landwirtschaft

Insgesamt wird die Agrarwende kaum mit ökologisch und sozial wünschenswerter Innovation in Verbindung gebracht.

Dabei müssen sich heute Bauernhof-Romantik und moderne Technik nicht einmal ausschließen.

Wir brauchen endlich das Bild einer vielfältig bunten produktiven Kulturlandschaft auf der kleine solarbetriebene Roboter umherwuseln und ehemals schweißtreibende Arbeit ganz automatisch erledigen, bis sie schließlich abends ordentlich hintereinander und selbstständig in die Scheune zurückkehren.

Wäre das nicht attraktiver, als die ökologisch bewirtschaftete Weizen-Monokultur eines Großbetriebes, der lediglich auf künstliche Düngemittel verzichtet?

Wir brauchen ein Idealbild mit Kühen, deren Futter aus genetisch optimierten Mikroalgen besteht anstatt aus Soja, für das südamerikanische Regenwälder gerodet wurden.

Vielleicht sogar eine Welt, in der das Töten von Säugetieren, angesichts des viel schmackhafteren und nachhaltigeren Zellfleisches, völlig absurd erscheint?

Oder ehemalige Fabrikhallen, in denen mitten in der Stadt nachhaltig Gemüse angebaut wird?

Ich bin damit aufgewachsen, dass Windräder von Kindern wie selbstverständlich in idyllische Landschaften gemalt werden. Das müssen wir jetzt auch für nachhaltige Agrartechnik schaffen.

Ein neues Narrativ

Das neue ökologisch soziale Landwirtschafts-Narrativ muss eine Strahlkraft über traditionsbewusste Naturschützer*innen hinaus haben.

Auch junge Menschen, Landwirt*innen, Ingenieur*innen und Wissenschaftler*innen müssen sich angesprochen fühlen. Wir sind es, die neue Technologien entwickeln und einsetzen. Wenn wir in der grünen Bewegung nur auf Ablehnung stoßen, bisweilen offen bekämpft werden, obwohl wir die gleichen Ziele verfolgen, müssen wir uns andere politische Partner*innen suchen.  Die Vorteile der neuen Methoden sind zu groß, um sie dem Starrsinn der technologisch Konservativen zu opfern.

„Wenn die Winde des Wandels wehen, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen“, sagt ein altes chinesisches Sprichwort.

Der vom Ochsen gezogene Pflug auf den Verpackungen von Bio-Lebensmitteln und in den Broschüren grüner Politiker*innen muss endlich durch zukunftsorientierte Bilder ersetzt werden.

Nur so kann die Agrarwende es schaffen, nicht abgehängt zu werden. Nur so wird sie ihre eigenen sozialen und ökologischen Ziele erreichen können.

Johannes Kopton

Johannes ist Mitgründer von progressiveAgrarwende, studiert Kybernetik, ist Mitglied in der Grünen Jugend und bei Bündnis90/DieGrünen Sachsen-Anhalt. Bei Plantix arbeitet er daran, die Ausbreitung von Pflanzenkrankheiten zu modellieren. Außerdem forscht er am Max-Planck-Institut Magdeburg an Prozessen, die Erdöl und Feldfrüchte durch Algen ersetzen sollen.
Johannes Kopton

Letzte Artikel von Johannes Kopton (Alle anzeigen)

Einzelnachweise

  1. sog. Industrie 1.0 und 2.0
  2. sog. Industrie 3.0 und 4.0
  3. vgl.: Gaus, Cord-Christian; Minßen, Till-Fabian; Urso, Lisa-Marie; de Witte, Thomas und Wegener, Jens (2017) Mit autonomen Landmaschinen zu neuen Pflanzenbausystemen. Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume,Wald und Fischerei, D-Braunschweig; Technische Universität Braunschweig, Institut für mobile Maschinen und Nutzfahrzeuge, D-Braunschweig; Julius Kühn-Institut. Kapitel 3
    http://orgprints.org/32438/1/32437_14NA004_011_012_thuenen_institut_de_Witte_Landmaschinen_Pflanzenbau.pdf
  4. Urs Niggli im Interview mit Adrian Krebs und Markus Spuhler (bioaktuell.ch)
    http://orgprints.org/26034/1/niggkrebs.pdf
  5. vgl.: https://www.spektrum.de/news/energiewende-mit-algen-zu-sauberer-energie/1352317
  6. z. B. bei Quorn aus fusarium venenatum
  7. vgl.: https://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/fleisch-aus-zellkulturen

2 Kommentare

  1. Sehr schöner Artikel,
    besonders angetan hat es mir die Bauernhof-Romantik, die so wohl nur in den Köpfen derjenigen existiert, die nie einen Bauernhof bewirtschaftet haben. Es ist immer einfach etwas zu verklären, wenn man nicht selber jeden Tag 24/7 damit zu tun haben muß, um z.B. den Bauernhof überhaupt am Leben zu erhalten. Für Romantik bleibt da nicht sehr viel Raum. Deshalb haben gerade die Bauern Interesse an neuen Techniken, die erleichtern ihnen nämlich das Leben.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.