Superfood von der Fensterbank

Bevor Martin im nächsten Beitrag in alter Tradition alles ausprobieren wird, was man an Algen so essen kann möchte ich einen kleinen Einblick in meinen Forschungsbereich, die Nutzung von Mikroalgen, geben. Weiter unten ist eine Anleitung für einen DIY-Photobioreaktor, indem du auf der Fensterbank selbst leckere und gesunde Spirulina-Mikroalgen anbauen kannst.

Die Welt der Mikroalgen

Wir stehen vor einem Dilemma: Einerseits müssen wir weniger fossile Ressourcen verbrauchen und CO2-Emissionen einsparen. Dabei könnten wir mehr pflanzenbasierte Rohstoffe echt gut gebrauchen. Andererseits können wir es uns auf Dauer ökologisch kaum leisten, unseren immer kleiner werdenden Ackerflächen immer mehr Erträge abzutrotzen.

Aber warum eigentlich Ackerflächen? Pflanzen und andere Phosynthese-betreibenden Lebewesen können ja auch im Wasser gedeihen. Die nennt man dann Algen. Und weil Algen etwas, wie ich finde ganz wunderbares sind, hier zunächst mal ein paar interessante Fakten über die oft unterschätztes Wasserbewohner:

  • https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/3/31/Diatoms_through_the_microscope.jpg/1024px-Diatoms_through_the_microscope.jpg
    verschiedene Arten Kieselalgen durch ein Lichtmikroskop

    Algen sind keine biologisch-systematische Verwandtschaftsgruppe, sondern bezeichnen alles, was im Wasser lebt und Photosynthese betreibt, das sind neben Pflanzen auch Cyanobakterien und andere Ein- und Mehrzeller.

  •  Algen müssen nichts essen. Sie können selbst Biomasse aufbauen, indem sie mithilfe von Licht CO2 in Biomasse verwandeln. Wenn man (wie ich) gerne auf Parties mit griechischen Fachbegriffen angibt, kann man das photoautotroph nennen.
  • Einzellige und andere mikroskopisch kleine Algen nennt man Mikroalgen und Algen, die man mit bloßen Auge sehen kann Makroalgen.
  • Einzellige Algen im Meer nennt man Phytoplankton (yeah, noch ein nerdiger Fachbegriff zum angeben).
  • Schätzungsweise wahnsinnige 45 Gigatonnen (=45000000000000 kg) Kohlenstoff aus CO2 werden jährlich in Phytoplankton gebunden. Und das schon bevor es Fridays-For-Future gab!
  • Etwa 8 Gigatonnen davon sinken zum Meeresgrund und werden ganz langsam über Jahrtausende hinweg zu Erdgas oder Erdöl (bis irgendjemand das wieder hochpumpt und in seinen oder ihren SUV füllt).
  • Falls ihr Algen bis jetzt noch nicht cool findet: Ohne Phytoplankton wäre die CO2-Konzentration so hoch, dass wir uns durch den Treibhauseffekt menschliches Leben auf der Erde abschminken könnten. Also, ein Bisschen mehr Dankbarkeit, wenn ich bitten darf 😉

Aber zurück zu unserem Problem. Ist ja ganz nett von dem ganzen Plankton, dass es menschliches Leben ermöglicht, aber es einfach aus dem Meer fischen und nützliche Dinge daraus herstellen kann man ja nun nicht. Was man hingegen tun kann, ist Algen gezielt anzubauen.

Kultivierung von Mikroalgen

Offene Becken © Pacific Northwest National Laboratory

Vor allem Mikroalgen lassen sich gut anbauen, weil sie schnell wachsen ganz pflegeleicht sind. Dafür gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Offene Becken und geschlossene Behälter. Die Becken können z. B. wie flache Teiche in den Boden gebaut werden und viele Hektar groß sein. Geschlossene Behälter werden auch Photobioreaktoren (yeah! 🎉) genannt und können die Form von z. B. Tanks, Flaschen, Aquarien oder Rohrsystemen haben.

Okay, und was machen wir dann damit? Die vorsichtig geschätzt 72.500 Algenarten bieten ungeheures Potenzial, verschiedenste Stoffe zu produzieren, die für uns nützlich sein können. Aktuell wird unter anderem viel an Treibstoffen, Farbstoffen (u. a. Chlorophylle und Carotinoide) und gesunden Fettsäuren (“Fischöl”) auf Algenbasis geforscht. Es gibt aber auch Mikroalgen, die sich ganz unverarbeitet lecker und gesund als Nahrungsmittel eignen (Chlorella, Spirulina, ..).

Photobioreaktor in Röhrenform © Roquette Klötze GmbH & Co. KG

Während fossile Energieträger Kohlenstoff in Form von CO2 freisetzen (der ja zu großen Teilen sogar auch irgendwann einmal von Algen gebunden worden ist) und so maßgeblich zur Klimakrise beitragen, ist der Kohlenstoff von Algen-Biodiesel unmittelbar vorher aus der Luft gebunden worden. Klar fallen bei der Aufreinigung auch Emissionen an, aber das ist vergleichsweise wenig. Leider ist das aktuell noch nicht wirtschaftlich. 2014 wurde der zu der Zeit machbare Preis für Algen-Diesel auf 1,70€ geschätzt. Trotzdem haben in letzter Zeit sogar große Ölkonzerne angefangen, in die Forschung in dem Bereich viel Geld zu investieren.

Farbstoffe aus Algen finden sich tatsächlich schon viele im Supermarkt. Haribo Schlümpfe enthalten zum Beispiel blauen Farbstoff aus der Mikroalge Spirulina. Margarine wird mit Beta-Carotin gelblich gefärbt, das oft aus der Mikroalge Dunaliella salina gewonnen wird. Algen verstecken sich also sogar hinter vielen E-Nummern auf Lebensmittelpackungen.

Oft wird gesagt, man soll Fisch essen, wegen der gesunden “essenziellen” Omega-3-Fettsäuren. Essenziell bedeutet hier, dass der Mensch sie nicht selbst herstellen kann. Das gilt aber allgemein für Tiere, der Fisch kann sie also auch selbst nicht herstellen, er nimmt sie über die Nahrung auf. Die meisten Speisefische fressen andere Fische, die das natürlich auch nicht können. Diese fressen dann vielleicht Krebse, aber die können das auch nicht. Am Ende sind es (wie könnte es anders sein) wieder die Algen, die diese Stoffe mit kaum mehr als Licht und Wasser hergestellt haben. Diese einmal durch die komplette Nahrungskette zu jagen, um dann die für die Ökosysteme so wichtigen Großfische zu überfischen, ist also weder nachhaltig noch notwendig. Im Zuge der progressiven Ernährungswende könnten wir uns also nächstes Mal vornehmen, nicht noch mehr Fisch, sondern stattdessen mehr Algen zu essen, wenn wir in der Illustrierten im Wartezimmer wieder etwas über die positiven Effekte von Omega-3-Fettsäuren lesen.

Noch krasser ist, dass logischerweise ja auch Fische in Aquakulturen diese Stoffe gefüttert bekommen müssen. Da war es bis jetzt immer am günstigsten, ungezielt kleinere Fische, u. a. Jungfische aus dem Meer zu fangen und auszupressen. Dieses Fischöl dient dann als Nahrungsergänzung für Kulturlachse, aber auch Schweine und auch für Menschen. Es sieht aber ganz so aus, als könnte man das bald dank einiger technischer Innovationen mit “Algenöl” (z. B. aus der Mikroalge Phaeodactylum tricornutum) ersetzen. Das wäre ein wichtiger Schritt für die marine Biodiversität.

Also, die Nutzung von Mikroalgen spart CO2-Emissionen ein und kann sogar zum Naturschutz beitragen. Dazu kommt, dass Mikroalgen im Gegensatz zu Feldfrüchten kein fruchtbares Land brauchen. Es gibt sogar Photobioreaktoren in der Wüste! Und sie brauchen weniger Wasser als Landpflanzen. Das klingt erst etwas komisch, aber eigentlich ist es doch ganz logisch, dass zumindest in geschlossenen Systemen weniger Wasser verloren geht, als wenn ich es im Boden versickern lasse.

DIY Photobioreaktor

Aber genug darüber geredet, was andere tun können, fangen wir doch bei uns selbst an, und bauen uns einen eigenen Photobioreaktor. Klingt nerdig? Okay, vor allem für das Nährmedium kommen wir um ein Bisschen Nerd-Talk nicht herum. Aber hey, wir bauen doch auch im Garten Gemüse an, das sind sogar Mehrzeller! Am Ende geht es nur um einen Behälter mit Wasser drin, welches sich langsam immer grüner färbt, aber psst! 🤫

© Johannes Kopton

Welche Algenart?

Ich empfehle Spirulina (Arthrospira platensis). Spirulina gilt heutzutage bei hippen Großstadtmenschen als absolutes Superfood und ist aus grünen Smoothies, aber auch Nahrungsergänzungsmitteln nicht mehr wegzudenken.

Biologisch gehört Spirulina zu den Cyanobakterien (Blaualgen). Im Gegensatz zu den giftigen Blaualgen die einem im Sommer manchmal das Baden im Badesee vermiesen, ist Spirulina aber nicht nur essbar und hip, sondern tatsächlich total gesund. Sie besteht zu über 50% aus Eiweiß und enthält neben vielen Vitaminen auch die Spurenelemente Calcium, Eisen und Magnesium in bioverfügbarer Form. Deshalb gilt sie auch bei der Welternährungsorganisation FAO seit Langem als vielversprechendes Nahrungsmittel, gerade auch für den globalen Süden. Spirulina wird sogar von der NASA und der ESA als potenzielles Nahrungsmittel für Langzeitmissionen im All diskutiert.

Der Vorteil von Spirulina ist auch, dass sie in sehr alkalischen Gewässern vorkommt. Das bedeutet, dass du keine Angst haben musst, dass die Kultur mit anderen Algen, Pilzen oder Bakterien kontaminiert wird, weil die bei einem pH-Wert von über 10 nicht überleben können. Du musst also nicht einmal besonderen Wert auf steriles Arbeiten legen.

Was brauchst du?

Das Behältnis

© Johannes Kopton

Suche dir für deine Algen ein durchsichtiges Behältnis. Die Größe entscheidest du, je mehr Volumen, desto mehr erntest du. Ich habe für verschiedene Kulturen aktuell Plastikflaschen, Glasflaschen, große Einmachgläser und ein 50l-Aquarium in Gebraucht. Natürlich muss Licht in das Gefäß fallen können.

Licht

Wenn du eine Fensterbank hast, würde ich als Lichtquelle den Fusionsreaktor Sonne empfehlen, ansonsten tut es auch eine helle Lampe (wirkt sich aber natürlich auf die CO2-Bilanz der Ernte aus). Je mehr Licht, desto schneller wachsen die Algen.

Wärme

Spirulina wächst am Besten bei etwa 35°C, aber auch bei Zimmertemperatur funktioniert es. Wenn im Sommer die Sonne auf das Gefäß scheint, reicht das völlig aus. Bei weniger als 15°C kommt das Wachstum praktisch zum Erliegen und bei über 38°C können die Zellen schaden nehmen und absterben.

Belüftung

© Johannes Kopton

Algen verarbeiten im Wasser gelöstes CO2, dabei entsteht Sauerstoff, der dann ebenfalls im Wasser gelöst ist, oder als kleine Bläschen aufsteigt. Damit immer frisches CO2 im Wasser ist, kann es sinnvoll sein, Luft dadurch blubbern zu lassen. Außerdem schwimmen die Spirulina-Zellen nicht von alleine umher sondern müssen umgerührt werden. Entweder du rührst also ab und zu um du nimmt dafür eine einfache Aquariumpumpe. Dabei solltest du aber darauf achten, Luftschläuche in Lebensmittelqualität z. B. aus Silikon zu verwenden, denn billige PVC-Schläuche enthalten oft krebserregende Weichmacher, die man seinen Fischen vielleicht antut, aber nicht in seinem Essen haben will.

Wasser

Der Hauptbestandteil von jedem Medium ist natürlich Wasser. In amerikanischen Anleitungen ist oft die Rede von destilliertem oder entchlortem Wasser. Chlor ist nämlich tödlich für Mikroorganismen (darum wird es ins Wasser gemischt). Das könnt ihr euch natürlich sparen, wenn ihr in einer Gegend wohnt, wo Wasser in guter Trinkqualität aus dem Wasserhahn kommt. Ich habe es erfolgreich mit Magdeburger Leitungswasser probiert.

Startkultur

Wo nichts ist, kann sich nichts vermehren. Du brauchst also für den Anfang eine kleine Menge lebender Algen. Kulturen von der Algenart Nannochloropsis kann man in jedem gut sortierten Aquaristikgeschäft kaufen. Spirulinakulturen habe ich allerdings bis jetzt in Europa nur in England und Schweden zu kaufen gefunden, oder für viel Geld bei der Uni Göttingen. Ansonsten kannst du auch mal Menschen fragen, die Spirulinakulturen haben (zum Beispiel mich). Die meisten teilen gerne und es reicht ja auch eine ganz kleine Menge.

Filter

Mit einem einfachen Kaffeefilter (Papierfilter oder auch Dauerfilter aus Edelstahl) kannst du die Algenzellen von ihrem Medium trennen.

Mineralien

Ganz ohne andere Stoffe geht es dann doch nicht. Alle Lebewesen brauchen zumindest ein Bisschen Stickstoff und Phosphor und auch noch ein paar andere Sachen. Die gibst du als Dünger in das Wasser und stellst so das “Nährmedium” her.

Für einige Algenarten kannst du fertiges Nährmedium im Aquaristik-Fachhandel kaufen. Für Spirulina, die es ja sehr alkalisch mögen habe ich so etwas noch nicht gefunden und stelle es deswegen selbst her.

© Johannes Kopton

Du musst dafür nicht viel Ahnung von Chemie haben, du kannst die Zutaten einfach wie bei einem Kochrezept zusammenmischen und umrühren. Es gibt ganz verschiedene Rezepte, die alle funktionieren. Einige benutzen sogar natürliche Zutaten wie z. B. Urin. Die meisten benutzen aber chemische Reinstoffe. Das bekannteste Rezept ist das Zarrouk-Medium, das in den 60er Jahren an der Universität von Paris erfunden wurde.

Achtung! Auch wenn das hier nicht die gefährlichsten Chemikalien der Welt sind, achte bitte immer auf deine Sicherheit. Du solltest mindestens eine (Schutz-)brille tragen und dir nach dem Kontakt gut die Hände waschen. Natürlich müssen alle Stoffe für Kinder unzugänglich aufbewahrt werden.

Leider kann man nicht alle Zutaten dafür unkompliziert in Europa kaufen, deshalb habe ich eine abgewandelte Version davon zusammengestellt, die ich Progressive-Agrarwende-Medium nenne. Genauere Erklärung zu den einzelnen Inhaltsstoffen findest du weiter unten.

In der folgenden Tabelle habe ich beide Rezepte mal zusammengestellt (alle Werte in g/L):

Formel Name PAW-M Z-M
NaHCO3 Natron (Natriumhydrogencarbonat) 16.8 16.8
NaCl etc. Meersalz (unbehandelt) 1.0
NaCl Kochsalz 1.0
K2SO4 Kaliumsulfat 1.0 1.0
NaNO3 Natriumnitrat 2.5
CH4N2O Urea (Harnstoff) 0.09*
K2HPO4 Dikaliumhydrogenphosphat 0.5 0.5
MgSO4 * 7(H2O) Magnesiumsulfat 0.2 0.2
CaCl2 * 2(H2O) Calciumchlorid 0.04 0.04
Fe EDTA Eisenchelat 0.015
FeSO4 * 7(H20) Eisensulfat 0.01
EDTA Ethylendiamintetraessigsäure 0.08
Mikronährstofflösung 1.0

* schrittweise erhöhen auf 0.5mg/l (s. Absatz “Urea”)

Natron

Natron oder Natriumhydrogencarbonat ist wohl vor Allem zum Anheben des PH-Wertes (s. unten) gedacht. Es ist der Hauptbestandteil von Backpulver und gesundheitlich völlig unbedenklich.

Natron kannst du im Supermarkt, in der Drogerie oder viel billiger in größeren Mengen im Internet kaufen.

Kochsalz / Meersalz

© Johannes Kopton

Zarrouk arbeitet wohl aus wissenschaftlichen Gründen mit Reinstoffen. Weil wir aber nicht die coole Mikronährstofflösung haben, nehmen wir lieber Meersalz in dem neben Kochsalz (NaCl) auch noch viele andere Mikronährstoffe enthalten sind. Unbehandeltes Meersalz kann man zum Essen kaufen.

Meersalz in Lebensmittelqualität kannst du im Supermarkt kaufen.

Kaliumsulfat

Kaliumsulfat ist in der EU ohne Höchstmengenbeschränkung als Lebensmittelzusatzstoff zugelassen (E515). Es ist also auch unbedenklich.

Kaliumsulfat kannst du im Internet in Lebensmittelqualität kaufen.

Natriumnitrat

Natriumnitrat ist zwar auch als Lebensmittelzusatzstoff zugelassen (E 251), aber ich konnte es, als ich das letzte Mal danach gesucht habe, nicht als Privatperson kaufen (aus Sicherheitsgründen 💣).

Urea

Urea oder Harnstoff ist ebenfalls ein (zumindest für Kaugummis) zugelassener Lebensmittelzusatzstoff (E927b). In diesem Paper von der Agraruniversität Gazipur, Bangladesch wird das Ersetzen von Natriumnitrat durch Urea diskutiert. Beide eignen sich als Stickstoffquelle. Urea ist zwar billiger, man sollte aber nicht so viel auf einmal verwenden. Vermutlich ist es deshalb am besten, wenn man mit nur 0.09g/l anfängt3. Über die Zeit sollte auf einen Gesamteintrag von 0.5g/l erhöht werden.

Urea kannst du im Internet in pharmazeutischer Qualität kaufen.

Eisen

© Johannes Kopton

Cyanobakterien brauchen Eisen. Sie können sogar sehr viel davon aufnehmen, was sie als Eisen-Nahrungsergänzungsmittel attraktiv macht. Wie alle Lebewesen können sie aber kein metallisches Eisen aufnehmen, es reicht also nicht, z. B. Eisennägel in das Medium zu legen.

Im Zarrouk-Medium wird Eisensulfat als Eisenlieferant eingesetzt. Um eine bessere Bioverfügbarkeit zu erreichen wird noch der Komplexbildner EDTA hinzugefügt.

Ich verwende direkt Eisen(III)-Natrium-EDTA. Dieses ist seit 20104 in der EU begrenzt für Lebensmittel zulässig. Die Menge habe ich so ausgerechnet, dass sie der Eisenmenge im Zarrouk-Medium entspricht.

Eisen(III)-Natrium-EDTA kannst du im Internet als Dünger kaufen.

Mikronährstoffe

Im originalen Zarrouk-Medium wird 1ml einer speziellen Mikronährstofflösung zugesetzt, die Vitamine und Spurenelemente enthält. Ich habe bis jetzt keinen Weg gefunden, mit vertretbarem Aufwand diese Lösung zu mischen. Bei mir funktioniert es im Moment auch ohne. Ich denke, dass einige wichtige Spurenelemente auch durch das Meersalz eingebracht werden. Ansonsten gibt es Mikronährstoffdünger für Pflanzen zu kaufen, das wäre sicher einen Versuch wert.

Neue Kultur starten

Jetzt kann es losgehen! Rühre das Nährmedium an wie beschrieben. Entlasse die Hälfte deiner Startkultur in das Gefäß. Wenn das Gefäß sehr groß ist solltest du zunächst ein kleineres Behältnis nehmen, und es irgendwann umfüllen, wenn du genug Algen hast. Einen Teil solltest du zurückbehalten, falls etwas schief geht.

© Johannes Kopton

Die Startkultur kannst du nun mit dem Nährmedium verdünnen. Ein Verhältnis von 1:1 ist sinnvoll. Wenn du es zu stark verdünnst, können die Algen dem Licht zu stark ausgesetzt sein und Schaden nehmen. Die Algen werden sich nun vermehren, das bedeutet letztlich nur, dass das Wasser immer grüner wird. Wenn die Kultur nach einigen Tagen wieder einen tiefgrünen Zustand erreicht hat, kannst du sie wieder verdünnen und wieder warten, verdünnen und so weiter. Es wird also exponentiell mehr, das bedeutet nach 7 Verdünnungen hast du schon mehr als die 100-fache Menge. Die Farbe der Kultur sollte dabei immer tiefgrün sein. Das ganze machst du so lange bis die gewünschte Menge erreicht, oder der Behälter voll ist.

Kultivierung

© Johannes Kopton

Damit die Algen möglichst schnell wachsen, solltest du wie oben schon angedeutet darauf achten, dass sie genug Licht haben, ab und zu umgerührt werden und nicht zu warm und nicht zu kalt werden.

Das ganze kann man wenn man will total krass automatisieren. Ich habe dabei im Moment einen Mini-Computer und diverse Sensoren und Funksteckdosen im Einsatz, bei uns im Max-Planck-Institut wird alles natürlich noch viel genauer kontrolliert und geregelt. Wirklich notwendig für ein moderates Algenwachstum ist das alles aber nicht. Die Algen, die bei mir einfach im Marmeladenglas auf der Fensterbank stehen vermehren sich auch ganz schön schnell. Einfach ab- und zu umrühren und beim Wachsen zugucken reicht theoretisch völlig aus.

Ernte

© Johannes kopton

Wenn du die Kultur nicht weiter expandieren willst und sie aber schon wieder dicht und tiefgrün geworden ist, ist Zeit für die Ernte.

Dafür nehme ich immer einen Kaffeefilter und gieße das grüne Algenwasser darüber. Bei Papierfiltern dauert das ziemlich lange, bei meinem Dauerfilter aus Edelstahl geht es schneller. Unten läuft klaren Medium heraus und in dem Filter bleibt eine grüne Masse zurück mit einer Konsistenz ähnlich zu Nutella.

© Johannes Kopton

Das ist die fertige Spirulinamasse, die am leckersten frisch gegessen werden kann. In Smoothies, Saucen, Müsli, Gebäck (das wird dann total grün 😄) und was dir noch so einfällt.

Die frische Spirulinamasse ist im Kühlschrank ein paar Tage haltbar. Wenn du mehr produzierst, als du frisch essen kannst (Glückwunsch dafür!), kannst du es auch auf einem Backpapier ausstreichen und in der Sonne oder im Backofen trocknen. Das getrocknete Pulver sollte gut verpackt mindestens ein halbes jahr halten.

Viel Spass beim weiteren Experimentieren mit der Kultur und beim Kochen!

Johannes Kopton

Johannes ist Mitgründer von progressiveAgrarwende, studiert Kybernetik, ist Mitglied in der Grünen Jugend und bei Bündnis90/DieGrünen Sachsen-Anhalt. Bei Plantix arbeitet er daran, die Ausbreitung von Pflanzenkrankheiten zu modellieren. Außerdem forscht er am Max-Planck-Institut Magdeburg an Prozessen, die Erdöl und Feldfrüchte durch Algen ersetzen sollen.
Johannes Kopton

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11 Kommentare

  1. Mir ist nichts bekannt, wonach in der Menschheitsgeschichte in nennenswertem Umfang Algen gegessen wurden. Wir werden sie auf Dauer gar nicht vertagen. Ihr dürft nicht immer nur nach positiven Stoffen suchen, sondern müsst auch mal fragen welche Stoffe ev. schädlich sein könnten.
    Das ist nur ein weiterer Punkt, der mich in meiner Meinung bestätigt, dass die Grünen unsere Gesellschaft in den Abgrund führen.

    1. Tatsächlich sind verschiedene Algen schon lange auf dem Speiseplan vieler Kulturen. Auch die hier besonders herausgehobenen Cyanobakterien Spirulina:

      “(1). Schon die spanischen Konquistadoren berichteten 1520, dass Spirulina von den Azteken (14.-16. Jahrhundert) aus dem See Texcoco geerntet und als Lebensmittel („Tecuitlatl“ =bedeutet: Ausscheidung der Steine) genutzt wurde (2). Auch in der Tschad-Region wird Spirulina traditionell von den Frauen der Kanembu geerntet, als Kuchen („dihe“) getrocknet und vor allem zu Soßen weiterverarbeitet (3). Heute wird Spirulina aus natürlichen Seen (z.B. in Myanmar) geerntet, der weitaus größte Teil stammt jedoch aus Aquakulturen, die weltweit, meist in sogenannten „Open Ponds“ oder „Raceway Ponds“ realisiert werden.”
      https://weltderalgen.wordpress.com/2017/12/17/spirulina-und-ihr-potential-im-kampf-gegen-mangelernaehrung-bei-kindern/

  2. Mir ist nicht bekannt, dass die Menschheit jemals durch extrem konservative Haltungen wie die des Erstkommentators weitergebracht worden wäre. Hätten wir alles immer nur wie immer gemacht, wäre noch nicht einmal das Rad erfunden. Ein weiterer Punkt, der mich in meiner Meinung bestätigt, dass man unbedingt mal über den Tellerrand hinausschauen sollte, weil nicht immer direkt dahinter der Abgrund lauert.

    1. Libribelle was würdest Du sagen, wenn ich gelernter Entwickler (Industrie) bin und es mir Spaß macht neue Sachen zu entdecken und mich selbst zu verändern?
      Aber es gibt auch etwas, das nennt man ewige Wahrheiten. Dazu zähle ich auch die Gene. Die verändern sich zwar (Mutationen), aber halt sehr langsam. Vor allen Dingen aber nicht in der Geschwindigkeit, die nötig wäre um die ganzen Phantasierereien der grünbiologischen Bewegung abzudecken.
      Bei einem Blick am/über den Tellerrand sollte man schon beachten was danach kommt und die eigenen Möglichkeiten und Chancen realistisch einschätzen.
      Unter den Migranten sind bestimmt auch viele Leute aus dem Tschad und einige mit atztekischer Abstammung. Hr. Kopton sollte für erste Tests mit den Algen dann solche Personen auswählen.

      1. Ach, was hatten die Menschen im Laufe der Jahrhunderte schon alles für “ewige Wahrheiten”. Ich würde gerne wissen, was Sie mit ersten Tests meinen. Ich kann z. B. seit längerer Zeit bei mir im Rewe getrocknete Spirulina-Algen als Pulver kaufen: https://shop.rewe.de/p/borchers-bio-spirulina-pulver-150g/7236617 Oder im dm als Tabletten: https://www.dm.de/dr-duenner-bio-spirulina-mikro-algen-tabletten-80-st-p7611278905664.html

  3. Hallo lieber Johannes,
    Vielen Dank für den interessanten Artikel.
    Nun die große Frage, könnte ich Spirulina-Algen von dir bekommen?
    Und ich wage jetzt mal zu fragen gibt es Anleitungen wie das mit dem Urin funktioniert also ich meine mit der Menge. ich vermute Natron müsste man dann trotzdem noch zugeben oder?

    ich denke es kommt ja dann bald der Winter und dann ist das wohl die perfekte grün- Versorgung.

    Herzliche Grüße
    Esther

      1. Hallo Johannes, danke für die tolle Anleitung! Ich möchte das jetzt auch bei mir im Zimmer versuchen und würde mich sehr freuen, von dir einen kleinen Ableger deiner Algenkultur zu bekommen. Die Frage von Esther interessiert mich auch, da ich mich frage, wie nachhaltig es ist, diese ganzen Mineralien zu bestellen (und von welchen Bezugsquellen), oder ob man das auch anders hinbekommen kann (mit Urin oder anderen organischen Düngern).. Hast du dazu bereits etwas recherchiert, was du teilen magst oder Erfahrungen gesammelt ? Viele Grüße Jana

        1. Hier habe ich einen interessantenText von Stefanie Goldscheider zum Bio-Spirulinaanbau gefunden (siehe auch den Kommentar von Stefan Holler) : http://blog.biothemen.de/spirulina-bio-ad-absurdum/

          Wahrscheinlich nicht so einfach, da eine Lösung für pflanzliche Dünger zu finden, schließlich soll das am Ende noch genießbar sein, aber vielleicht lässt sich ja mit Pflanzentees experimentieren:
          http://www.holzl.de/Biogarten/Jauchen.htm

          🙂 freu mich schon

          1. Ob es bestimmte Bio-Richtlinien erfüllt, steht für mich weniger im Vordergrund, als dass es in eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft passt. Ich stimme da voll dem verlinkten Text zu, dass es keinen Sinn ergibt, Spirulina zwanghaft organisch zu “ernähren”.

            Urin wäre kreislaufmäßig natürlich super, ist aber vielleicht hygienisch bedenklich.

            In dem verlinkten Text wird ja Chilesalpeter vorgeschlagen, weil er natürlich ist und ohne energieaufwändige Synthese auskommt. Natürlichkeit finde ich sowieso immer eine schwierige Kategorie, das kann ja alles und nichts bedeuten, und außerdem ist ja unklar, warum das immer besser sein sollte. Ich würde da lieber auf die Nachhaltigkeit schauen.
            Erstmal kommt es ja, wie der Name schon sagt aus Chile und muss weit transportiert werden. Das verursacht ja auch Emissionen. Dazu ist es ein fossiler Rohstoff, das heißt irgendwann ist es leer und schon deswegen nicht nachhaltig. Abgesehen davon, darf man in Deutschland NaNO3 als Privatperson nicht kaufen, weil man daraus Sprengstoff herstellen kann. Und die Reinheit für den direkten Verzehr könnte bei mineralischem Material auch fragwürdig sein.

            Ich würde es stattdessen synthetischen Stickstoff (z. B. in Form von Harnstoff) bevorzugen, der mit erneuerbaren Energien hergestellt wurde. Das habe ich allerdings noch nicht gefunden..

            Phosphor kann man z. B. aus Klärschlamm recyclen. Aber auch recyceltes Phosphat findet man leider nicht einfach so im Internet zu kaufen..

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