Die Gen-Soja-“Superviren”-Verschwörungstheorie

Es sind außergewöhnliche Zeiten. Das neue Coronavirus SARS-CoV-2 ist zu einer Pandemie geworden. Weltweit haben sich bis jetzt hunderttausende Menschen angesteckt, zehntausende sind bereits gestorben.

Als wäre das nicht genug, stehen wir vor einem weiteren Problem: Die globale Ausnahmesituation ruft überall auf der Welt Verschwörungstheoretiker*innen auf den Plan. Entgegen allen seriösen wissenschaftlichen Ergebnissen, wird etwa behauptet, das Virus sei künstlich erschaffen worden, es sei gar nicht neu oder nicht gefährlicher als eine Erkältung. In Whatsapp-Gruppen kursieren Warnungen über angebliche Lebensmittelknappheiten. Heilpraktiker*innen werben mit angeblichen vorbeugenden Maßnahmen oder sogar Heilmitteln.

Die Gen-Soja verantwortlich für SARS-Coronaviren?

Vandana Shiva in Köln 2007 (© Elke Wetzig CC BY-SA 3.0)

Aber auch wir als Landwirtschafts-Plattform müssen uns dieser Tage mit Verschwörungstheorien und Fake News beschäftigen. Denn eine der vielen Behauptungen, die gerade international die Runde machen ist die, dass SARS-Coronaviren durch das Verfüttern von gentechnisch verändertem Soja entstanden seien. Und diese Behauptung kommt auch nicht von irgendwem, sondern von einer der weltweit bekanntesten Anti-Gentechnik-Aktivistinnen: Vandana Shiva.1 2

Auf einem sogenannten Expert*innen-Panel zusammen mit Chemtrail-Verschwörungstheoretiker Jeffery Smith3 sagte sie etwa vor wenigen Wochen:

“I got a letter from a Chinese scientist when the SARS epidemic broke, do you remember, and he said, ‘We are feeding all our animals GMO soya and it could so easily be that this horizontal gene transfer is happening and the animals are developing super-viruses which are then jumping from animals to humans.’” – Vandana Shiva, 20204

Wer dieser angebliche chinesische Wissenschaftler ist, erfahren wir nicht. Die Behauptungen werden auch tatsächlich durch nichts in der wissenschaftlichen Literatur gestützt und kommen völlig ohne überprüfbare Quellenangabe aus. Zur Sicherheit hat David sich trotzdem die Mühe gemacht, sie gründlich zu prüfen.

Faktencheck

Was Frau Shiva mit ihrer Aussage impliziert ist, dass durch Gen-Übertragung von sojahaltigem Tierfutter auf die bereits bestehenden Viruspopulationen im Verdauungstrakt von Nutztieren SARS-CoV-2 als eine Art „Supervirus“ entsprungen ist. Hier sind 5 Fakten, die dagegen sprechen:

  • Das natürliche Auftreten von SARS-Viren wurde bisher nur in Wildtierpopulationen nachgewiesen (Zibetkatze, Hufeisennasen, Waschbärhund,…). Die Aufnahme von sojahaltigem Tierfutter durch diese Wildtiere ist mehr als unwahrscheinlich.
  • Im Falle von SARS-CoV-2 werden Fledermäuse in der Provinz Wuhan als Hauptreservoir der Viruspartikel verdächtigt. Aufgrund der insektivoren Lebensweise dieser Tiere ist die Aufnahme von Soja-Futter durch diese Tiere wohl ausgeschlossen.
  • Selbst nach Verzehr von Wildtieren werden Viruspartikel durch die Magensäure zerstört, so auch das virale Erbgut. Das gleiche gilt übrigens für das Erbgut der Sojabohnen in den Mägen der Nutztiere.
  • Davon abgesehen: horizontaler Gentransfer von Futtermittel auf den Futternden bzw. sein Mikrobiom wurde bisher noch nie beobachtet (oder kriegst du einen Ringelschwanz von den ganzen Schweinenackensteaks?)
  • Darüber hinaus ist das Coronavirus-Genom nicht sonderlich komplex und längst sequenziert. Etwaige Gen-Abschnitte mit Ursprung in Soja oder anderen gentechnisch modifizierten Pflanzen wären längst aufgedeckt.
David Spencer
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David sagt dazu:

Unvorsichtige, wissenschaftlich nicht begründbare Aussagen wie die von Frau Shiva führen in Krisenzeiten genau in die falsche Richtung: durch Fake News wird das Vertrauen in dieselbe Wissenschaft untergraben, die mit Hochdruck an Corona-Testverfahren und der Entwicklung von Impfstoffen arbeitet. Es ist ein integraler Bestandteil der Forschung, transparent und im Interesse der Bevölkerung zu handeln – wir dürfen nicht unkommentiert lassen, wenn dieses Ideal durch ein von Angst dominiertes Narrativ in Frage gestellt wird.

Den aktuellen Stand der Forschung zu der Frage, wie denn tatsächlich SARS-Corona-Epidemien entstehen, hat Christian zusammengefasst.

Wie entstehen denn nun für den Menschen gefährliche Coronaviren?

Coronaviren sind einzelsträngige RNA-Viren. Dadurch sind sie angewiesen auf einen sehr fehleranfälligen Kopiermechanismus (RNA-abhängige RNA-Polymerase). Gleichzeitig sind sie zur Rekombination in der Lage. Das heißt, Stämme können ihr Genom miteinander vermischen und mutieren schnell. Dadurch ist das Überspringen der Artgrenze auf einen neuen Wirt wahrscheinlicher.
So konnten für SARS-CoV-2 zwei mögliche Vorläufer identifiziert werden: ein Coronavirus einer Fledermaus (Java-Hufeisennase) und ein Coronavirus des Schuppentieres (Manis javanica) mit je um die 90 % Übereinstimmung, wobei letzteres bereits menschliche Zellen infizieren kann 5. Zur Entstehung eines neuen Virus müssten beide Viren nur in einem Zwischenwirt aufeinandertreffen und ihr Genom vermischen6 – ist das Virus nun in der Lage den Menschen zu infizieren, ist ganz ohne Soja ein (potentiell gefährliches) neues Virus entstanden.

Christian Kaiser

Verschwörungstheorie politisch motiviert?

Wir können also offensichtlich davon ausgehen, dass es sich hier um Fake-News handelt. Und das scheinbar mit einem klaren politischen Ziel. Denn aus diesem Ziel macht Vandana Shiva keinen Hehl:

“Globalised, industrialised food systems spread disease. Monocultures spread disease. Deforestation is spreading disease. The health emergency is forcing us to deglobalize.” – Vandana Shiva 20207

Wenn es nach Vandana Shiva geht, sollen wir die Globalisierung zurückdrehen und einfach wieder mehr mit den Händen arbeiten:

“Every young person should recognise, that working with their hands […] is the highest evolution of our species.” – Vandana Shiva 20188

Es geht also darum, aus der Katastrophe politisches Kapital zu schlagen und die eigene reaktionäre Agenda einer deindustrialisierten, deglobalisieren Welt voranzutreiben.

Dabei lügt sie nicht zum ersten Mal9. Die Philosophin gab sich etwa oft als “eine von Indiens führenden Physikerinnen” aus – scheinbar ohne je wirklich als Physikerin gearbeitet zu haben10.

An anderer stelle vergleicht Vandana Shiva den Anbau von GV-Saatgut mit Vergewaltigung 11 und setzt sich für eine Überwindung des anthropozentrischen Weltbildes (der Mensch steht im Mittelpunkt) ein, um die “Integrität von Pflanzen” zu schützen12.

Oft inszeniert sich Vandana Shiva als Stimme der indischen “Kleinbäuer*innen”. Ich hatte selbst das Glück mit sog. “kleinbäuerlichen” Landwirt*innen in Indien arbeiten zu dürfen. Es hat mich erschüttert, wie wenig die Realität dieser Menschen mit dem Bild gemeinsam hatte, das Vandana Shiva und einige westliche Hilfsorganisationen zeichnen. Um es kurz zu machen: Ja, die Landwirt*innen machen sich Sorgen über Abhängigkeiten von internationalen Saatgutkonzernen. Sie wünschen sich aber vergleichbare leistungsfähige Sorten. Diese wurden u. a. an örtlichen Universitäten entwickelt, dürfen aber oft (auch durch den großen Druck von europäischen NGOs) nicht angebaut werden, weil die indischen Wissenschaftler*innen dafür selbstverständlich auch gentechnische Methoden einsetzen13. Die Landwirt*innen, mit denen ich gesprochen habe, ziehen aufgrund der verbesserten Eigenschaften – wo es erlaubt ist – in der Regel teureres GV-Saatgut (etwa von Bayer) wohl oder übel immer noch den traditionellen regionalen Sorten vor.

Offenbar ist Vandana Shivas Ideologie auf die romantisch-traditionalistischen Vorstellungen westlicher Öko-Bewegungen zugeschnitten. Auf die Bedürfnisse der kleinbäuerlichen Bevölkerung in Schwellenländern jedenfalls vermutlich nicht. In ihrem Heimatland Indien selbst ist sie kaum bekannt und erst recht nicht beliebt. In einem geleakten Bericht für den indischen Premierminister wurde deutlich, dass der indische Geheimdienst Vandana Shiva beobachtet, da ihre rückwärtsgewandten und mit viel Geld von ausländischen NGOs finanzierten Aktivitäten die Entwicklung Indiens gefährdeten14 15.

Vandana Shiva und die deutsche Öko-Bewegung

Okay, warum bieten wir hier einer reaktionären und tendenziell ökozentrisch-menschenfeindlichen Verschwörungstheoretikerin eine Plattform?

Wir können all das nicht unwidersprochen stehen lassen, weil Vandana Shiva seit Jahren einen großen Einfluss auf die deutsche und internationale Öko-Szene hat. Noch Ende Januar trat sie auf einer Europa-Tour (ich nehme an, so etwas machen global vernetzte Globalisierungskritikerinnen heutzutage) auf einer gemeinsamen Veranstaltung16 mit Harald Ebner (Bundestagsabgeordneter für die Grünen), Felix Prinz zu Löwenstein (Vorsitzender des Branchenverbands für ökologische Lebensmittelwirtschaft BÖLW) und Bernward Geier (ehemaliger Direktor des Welt-Bio-Verbands IFOAM) auf.

Vandana Shiva u. a. mit Felix Prinz zu Löwenstein, Harald Ebner und Bernward Geier am 19.1.2020 in Elsenfeld (Quelle zitiertes Bild: Aktionsbündnis Giftfrei-im-3Ländereck/Youtube)

Sie ist ein regelmäßiger und gern gesehener Ehrengast auf Parteitagen der deutschen grünen Partei17, spricht bei deutschen Öko-Lebensmittelunternehmen18 und auf deutschen Öko-Demos19.

Sie wird von westlichen Öko-Branchenverbänden, Öko-Unternehmen, Umweltverbänden und grünen Parteien gleichermaßen unhinterfragt gefeiert. Ich halte das für ein großes Problem. Die reaktionäre Ideologie von Vandana Shiva steht uns auf dem Weg in eine nachhaltigere und gerechtere Zukunft im Weg anstatt uns voranzubringen.  Das ist doch nicht erst seit dem jüngsten verschwörungstheoretischen Ausfall in Bezug auf das Coronavirus klar. Ich bin selbst Mitglied bei BÜNDNIS90/DieGrünen und beim BUND. Ich schreibe das alles nicht, um Stimmung gegen Grüne oder Umwelt-NGOs zu machen. Im Gegenteil, ich halte Parteien und zivilgesellschaftliche Strukturen, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen, in dieser Zeit für wichtiger denn je.

Aber wie wollen wir unsere Nachhaltigkeitsziele erreichen, wenn wir Fake-News verbreiten und Verschwörungstheoretiker*innen hinterherlaufen, nur weil wir sie so charismatisch finden? Wie wollen wir Menschenrechte für alle durchsetzen, wenn wir sie im selben Atemzug mit den Rechten von Tieren und Pflanzen(!) relativieren, über die wir uns als Menschen laut Vandana Shiva nicht stellen dürfen? Wie wollen wir die Situation von Kleinbäuer*innen in Schwellenländern verbessern, wenn wir ihnen die Technologien verwehren, die wir hier längst nutzen? Wenn wir nicht auf die Betroffenen, sondern auf eine international aktive Öko-Influencerin hören?

Verschwörungstheorien oder #UniteBehindTheScience?

Ich denke, dass all diese Probleme nur auf einen Teil der Öko-Bewegung zutreffen. Während bei den einen esoterische Mutter-Natur-Folklore im Mittelpunkt steht, die Vandana Shiva noch immer zielgruppengerecht aus Indien liefert, hat sich bei anderen glücklicherweise #UniteBehindTheScience durchgesetzt.

Ich möchte alle Grünen und umwelt- und klimabewegten Menschen aufrufen, sich von den Fake-News und Verschwörungstheorien von Vandana Shiva zu distanzieren. Für das Erreichen jeglicher Nachhaltigkeitsziele ist handfeste Wissenschaft ja ohnehin deutlich besser geeignet.

Johannes Kopton
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Einzelnachweise

  1. https://mylespower.co.uk/2020/03/31/capitalising-on-corona-vandana-shiva-1/
  2. https://geneticliteracyproject.org/2020/04/01/viewpoint-anti-gmo-activist-vandana-shiva-says-gmo-soy-caused-the-covid-19-pandemic-heres-why-shes-wrong
  3. https://mylespower.co.uk/2020/03/31/capitalising-on-corona-vandana-shiva-1/
  4. https://youtu.be/NsyKWTmA2tM?t=1380
  5. http://virological.org/t/the-proximal-origin-of-sars-cov-2/398
  6. https://www.sciencealert.com/genome-analysis-of-the-coronavirus-suggests-two-viruses-may-have-combined
  7. https://www.navdanya.org/bija-refelections/2020/03/18/ecological-reflections-on-the-corona-virus/
  8. https://www.facebook.com/watch/?v=609794979353836
  9. https://theness.com/neurologicablog/index.php/the-myths-of-vandana-shiva/
  10. https://www.newyorker.com/magazine/2014/08/25/seeds-of-doubt
  11. https://twitter.com/drvandanashiva/status/287397046447640576
  12. https://twitter.com/drvandanashiva/status/287451636782202880
  13. https://allianceforscience.cornell.edu/blog/2019/06/indian-farmers-plant-gmo-seeds-civil-disobedience-satyagraha-protest/
  14. https://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/asia/india/10917731/India-targets-Prince-Charles-aide-in-war-on-Greenpeace.html
  15. https://indianexpress.com/article/india/india-others/foreign-aided-ngos-are-actively-stalling-development-ib-tells-pmo-in-a-report/
  16. https://www.gruene-odenwald.de/?tribe_events=eine-andere-welt-ist-moeglich-vandana-shiva-in-elsenfeld
  17. https://www.youtube.com/watch?v=pPwnXiqdUZI
  18. https://www.andechser-natur.de/de/naturzeit/frau-dr-vandana-shiva-andechs
  19. https://www.youtube.com/watch?v=iuzBeHEEcEw

4 Kommentare

    1. Hey Timo,
      das vergessen wir nicht. Im Gegenteil, wir beschäftigen uns gerade mit den Zusammenhängen von Landnutzung und epidemischen Infektionskrankheiten. Also stay tuned 😉

  1. Nur mal so angemerkt. Beim Durchlesen Ihres Artikels fiel mir folgendes auf…. Zitat … Im Falle von SARS-CoV-2 werden Fledermäuse in der Provinz Wuhan als Hauptreservoir der Viruspartikel verdächtigt. Aufgrund der insektivoren Lebensweise dieser Tiere ist die Aufnahme von Soja-Futter durch diese Tiere wohl ausgeschlossen. Zitat Ende.
    Nun ergibt sich aber bei genauerer Analyse der Futterquellen von Fledermäusen u.U. ein anderes Bild, als Sie es hier verbreiten. ….
    Auf Wiki kann man nachlesen, dass …. Zitat .. In den Tropen und Subtropen gibt es viele vegetarisch lebende Arten, die Früchte fressen oder Nektar trinken. Diese Arten spielen eine wichtige Rolle für die Pflanzen, deren Blüten sie bestäuben (Chiropterophilie) und deren Samen sie verbreiten (Chiropterochorie).[6] Zitat Ende
    Somit ist wohl Ihre Behauptung, das Fledermäuse reine Insektenfresser sind, nicht zu halten 🙁
    Mit freundlichen Grüßen

    1. Guten Tag Herr Geisler, vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie haben natürlich Recht und ich hätte korrekterweise die Ausdrucksweise “hauptsächlich insektivor” wählen müssen. Dennoch kann gesagt werden, dass hier “Früchte” im Sinne süßer Beeren und Obst gemeint sind und nicht Sojabohnen – um die es ja in dem obigen Artikel geht. Mit besten Grüßen,
      David Spencer

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