Landwirtschaft und Biodiversität – Praxiserfahrung und Meinung einer Landwirtin aus Leidenschaft

Die Anforderungen und gesellschaftlichen Ansprüche an Landwirtinnen und Landwirte sind höher als je zuvor. Neben der Produktion von ausreichend und qualitativ hochwertigen Lebensmitteln stehen auch der Erhalt und die Förderung der Artenvielfalt weit oben auf der Agenda. Doch was bedeutet das, abseits von politischen und öffentlichen Debatten, ganz konkret auf dem Feld? Welche Maßnahmen sind unter welchen Umständen effektiv und wie müssen Rahmenbedingungen gestaltet sein, damit sie wirklich greifen? Dieser Artikel einer jungen, passionierten Landwirtin soll ganz praxisnah auf diese Fragen eingehen und so einen konstruktiven Beitrag zur Debatte leisten.

Biodiversität begleitet mich schon seit vielen Jahren. In einer Zeit, in der noch keine Rede von „Greening“, „Green Deal“ oder „farm to fork“ war, untersuchte ich im Rahmen meiner Masterarbeit die Etablierung und Bestandsentwicklung von Grünlandnarben auf einem bei uns, in Trebbin, häufig vorkommenden, ertragsschwachen Sandstandort. Schwerpunkt dieser Forschung war die floristische Diversität von Flächen, die für einige Zeit aus der Produktion herausgenommen wurden. Eine gezielte Begrünung sollte die Flächen für eine spätere ackerbauliche Nutzung „konservieren“ und ökologisch wertvoll gestalten. Im Vergleich zu einer sich selbst überlassenen Begrünung sollte die Ertragsfähigkeit des Bodens erhalten und bei Wiedereingliederung in die Fruchtfolge sofort wieder voll nutzbar sein. Die gesellschaftlich weit verbreitete Meinung, dass sich mit einer selbst überlassenen Brache der Boden „ausruhen“ oder „erholen“ würde, konnte ich nun auch im eigenen Versuch widerlegen. Neu war zumindest die letzte Erkenntnis nicht, aber immerhin für mich praktisch greifbar.

Viele Gedanken habe ich aus meiner wissenschaftlichen Zeit mit in die landwirtschaftliche Praxis genommen und seitdem sehr viel probiert, verworfen und gelernt. Neben der Bearbeitung strategischer Aufgaben in der Agrargenossenschaft Trebbin liegt ein Arbeitsschwerpunkt auf Planung und Organisation von Biodiversitätsmaßnahmen. Das Prinzip „Versuch und Irrtum“ gehört aktuell nach wie vor zu meinem Portfolio, denn der Erhalt und die gezielte Förderung der Biodiversität stand noch nie zuvor auf der Aufgabenliste der Landwirt:innen. So schön es manchmal wäre, alles im Buch nachschlagen zu können, so spannend ist es doch bei einigen Aspekten auch Pionierarbeit leisten zu dürfen. So ergeben sich vielfach großartige Möglichkeiten, Erkenntnisfortschritte direkt mitzuerleben bzw. sogar mit zu erarbeiten.

Eine riesige Aufgabe, die nur aus einer Vielzahl von zusammengesetzten Einzelerkenntnissen ein schlüssiges Bild ergibt und auch nur auf einer höheren Ebene bewältigt werden kann. Zuletzt nicht nur durch einen oder mehrere Landwirt:innen, sondern unter Einbezug aller Wirtschaftsbereiche und jeder einzelnen Person. Daraus ergeben sich viele Möglichkeiten, aber auch viele Probleme.

Eine der 128 charakterisierten Wildbienenarten im Feld (Foto: Jana Gäbert)

So lässt sich bei nicht wenigen Menschen, besonders in der jüngsten Vergangenheit, eine Leichtgläubigkeit gegenüber einfachen, scheinbar eindeutigen Erklärungen ausmachen. Zusätzlich scheint nur ein geringes Interesse vorhanden zu sein, sich fundiert mit den Dingen rund um die Biodiversität auseinanderzusetzen. Dies ist selbstverständlich kein Vorwurf – wer kann sich schon mit jedem Thema ausführlich beschäftigen? Dann jedoch vereinfachtem, teilweise auch politisch beeinflusstem, vorgefertigtem Spartendenken folgen? Sich vielleicht einfach zurücklehnen, abwarten und teilweise reaktionären Grabenkämpfer:innen das Feld überlassen? Das kam für mich nicht in Frage. Ich möchte die Probleme aktiv angehen, Möglichkeiten aufzeigen, Konzepte entwickeln und so an der Gestaltung der Landwirtschaft besonders im Bereich der Biodiversität mitarbeiten.

Ein Beispiel für Grabenkämpfe ist die Forderung nach 100 % ökologischem Landbau unter eher rückschrittlichen Bedingungen.1 Hand in Hand mit der  Ansicht einiger Vertreter:innen der konventionellen Landwirtschaft, dass sich an der derzeitigen Situation nichts verändern dürfe. Beides ist in meinen Augen sowohl in Bezug auf eine sichere und nachhaltige Lebensmittelerzeugung, als auch auf die Förderung der Artenvielfalt mittlerweile überholt. Aber genau an dieser Stelle sollten diese viel zu oft geführten Diskussionen nicht weitergehen, sondern die Kraft in Versuche, Beobachtungen und wissenschaftlichen Diskurs gelenkt werden. Der Erkenntnisgewinn daraus ist am Ende doch sinnvoller und befriedigender als die ewige Streiterei. Ich bin auch der Überzeugung, dass Ehrlichkeit gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen wieder an Bedeutung gewinnt und genau aus diesem Grund arbeiten wir in unseren Projekten transparent und in einem wissenschaftlichen Sinne wiederholbar. Auch eine gewisse Skalierbarkeit ist in den meisten Fällen gewährleistet.

Die meisten Dinge und Projekte zur Biodiversität, die ich mir aktuell vornehme, geschehen nur in geringem  Umfang auf Basis einer Verpflichtung oder eines äußeren Zwanges,  vielmehr aus eigenem Antrieb, ausgerichtet nach der eigenen Wahrnehmung. Dennoch haben drei Dürrejahre infolge verschiedene Notwendigkeiten zur Steigerung der Klimaresilienz deutlich gemacht, die auch in direktem Zusammenhang mit der Biodiversität stehen.

Hier empfinde ich den aktuellen Umgang mit Landwirt:innen beim Thema Leistungen für die Biodiversität als sehr belastend und kontraproduktiv:

In vielen aktuellen Diskussion wird dem „Greening“2 vorgeworfen, es sei gescheitert. Ziel zur Einführung im Jahr 2014 war es, die europäische Agrarlandschaft grüner zu machen und auf dem Acker sollten ökologische Vorrangflächen einem Umweltinteresse dienen. Den Landwirt:innen wurden in einem Katalog verschiedene Maßnahmen angeboten, die sie auf 5% ihrer Fläche anwenden müssen, um weiterhin die Direktzahlungen der EU im bisherigen Umfang zu erhalten.  Neben der verpflichtenden Diversifizierung der angebauten Kulturen (also eine prozentuale Vorgabe zur Anzahl und zum Flächenanteil der Nutzpflanzen) kann z. B. der Anbau von Leguminosen und Zwischenfrüchten gewählt werden. Auch ganzjährige Brachen oder die Ansaat von Blühstreifen sind anrechenbar. Angesichts der in den landwirtschaftlichen Produktionsprozess unkomplizierten Integration von Zwischenfrüchten werden aktuell große Teile der “Greening-Verpflichtungen” über diesen Weg erfüllt. Wirtschaftliche Zwänge haben vielen Landwirt:innen ein Brachlegen der Flächen genauso wenig erlaubt wie die Ansaat einer teuren Blühmischung.

An der Umsetzung der Landwirt:innen und der Reaktion gewisser lauter Stimmen, die sich diametral zur Landwirtschaft verorten, zeigt sich, dass alles auch immer eine Frage der Perspektive ist. Während die Brachen und die Blühflächen einen größeren Beitrag zum Erhalt der oberirdischen Insektenwelt leisten, sind Zwischenfrüchte für Landwirt:innen ein geeignetes Mittel den Boden nicht nur vor Erosion und Austrocknung zu schützen, sondern auch die biologische Aktivität im Boden (unterirdische Biodiversität) zu steigern und den Humusaufbau zu fördern. Während die einen sich in der Summe mehr Brachen gewünscht haben, wäre die EU-Vorgabe aus Sicht der Landwirt:innen mit dem Zwang zur Brachlegung produktiver Flächen gescheitert.

Festzuhalten bleibt aber in jedem Falle die große Bedeutung der Zwischenfrüchte für die Artenvielfalt im Boden. Ein vielfältiges Nahrungsangebot für die gesamte Bandbreite von im Boden lebenden Organismen ermöglicht deren Erhalt und Vermehrung, das haben wir selbst über Bodenproben belegen können. Die Bodenlebewesen haben bis auf wenige Ausnahmen im Jahr Ruhe und können mit den durch die Zwischenfrüchte bereitgestellte organische Primärsubstanz organische Bodensubstanz, also Humus aufbauen. Der hilft nicht nur, die Bodenstruktur zu stabilisieren und gegenüber schweren Maschinen widerstandsfähiger zu machen, sondern kann auch Nährstoffe und vor allem Wasser sehr gut speichern. Auf unseren Sandböden hier in Brandenburg sogar um ein Vielfaches besser als der mineralische Teil des Bodens. Wird der Anbau von Zwischenfrüchten mit einer Mulch- oder Direktsaat kombiniert, ergeben sich sogar nach ihrem Absterben noch positive Effekte. Durch die Mulchauflage der abgestorbenen Zwischenfrucht wird in der Folgefrucht nicht nur das Unkrautwachstum teilweise unterdrückt, sondern auch hier noch Schutz vor Erosion und unproduktivem Wasserverlust durch Evaporation (Verdunstung über die Bodenoberfläche) erreicht wird. Durch diesen Ansatz lassen sich momentan die Probleme aus der sich veränderten Witterung zumindest teilweise kompensieren. Durch beibehalten des Status quo – also wenig Bodenbedeckung –  würde sich die Ertragsfähigkeit der Böden verschlechtern. Nur durch weitere Maßnahmen und deren sinnvolle Kombination kann auch trotz ungünstiger äußerer Bedingungen eine Verbesserung der Ertragsfähigkeit /-stabilität erreicht werden. Gerade die Ertragsfähigkeit unserer Sandböden ist empfindlich und es bedarf eines umfangreichen und wohldurchdachten Konzeptes, um sie Jahr für Jahr zu erhalten und langsam über Jahrzehnte hinweg zu steigern. Hier gehen unsere Verpflichtungen klar über eine Generation hinaus.

Ein Schmetterling im Blühstreifen  (Foto: Jana Gäbert)

Weiter oben erwähnte ich, die Agrarpolitik wolle die Landwirtschaft grüner machen. Nun kann seit einigen Jahren deutlich beobachtet werden, wie die Agrarlandschaft tatsächlich immer grüner wird. Ein erreichtes Ziel ist dies allerdings trotzdem nicht, denn nicht nur die Farbe zählt, sondern viele weitere Aspekte, wie Dr. Christian Schmidt-Egger3, Wildbienen-Experte, deutlich macht. Das „Grüner werden“ bezieht sich vielfach auf eine starke Zunahme von Gräsern, auch fernab landwirtschaftlicher Flächen. Nicht nur ihre Förderung durch den Eintrag von Stickstoff aus der Luft, sondern auch klimatische Veränderungen, insbesondere warme Winter, begünstigen die Entwicklung vieler Grasarten. Mit ihrer um ein Vielfaches höheren Konkurrenzkraft verdrängen sie die für Insekten attraktiven Blühpflanzen, weshalb diese dann oft kilometerweit keine Nahrung mehr finden. Landwirte sind verpflichtet diese Flächen mindestens einmal im Jahr zu pflegen. In den meisten Fällen wird der Aufwuchs abgeschnitten, zerkleinert und verbleibt direkt auf der Fläche. Das ist deutlich kostengünstiger als sie zu mähen und das Mähgut abzufahren, führt aber zu einer dichten Mulchschicht, die es auch den bodennistenden Insekten erschwert passende Bruthabitate zu finden. Fehlen, auch durch den Rückgang von Ackerrändern und bspw. Magerrasen, diese Nahrungs- und Bruthabitate, finden viele Insekten keine Existenzgrundlage mehr und mit ihnen fehlt auch die Nahrungsgrundlage für viele Reptilien und Vögel.

Viele Arten haben sich bereits vor vielen hundert Jahren der vom Menschen gestalteten Landschaft angepasst und passen sich langsam auch immer weiter an. Allerdings umfasst der zeitlich größte Teil dieser Anpassung eine andere, viel kleinteiligere Landwirtschaft als die, die wir heute kennen. Um es einfach auszudrücken: viele Arten haben Jahrhunderte gebraucht, um sich an eine kleinbäuerliche, kaum über die Subsistenzwirtschaft hinausgehende Landwirtschaft anzupassen und stehen nun vor der Herausforderung, sich in viel kürzeren Abständen an sich fast schon überschlagende, vielfach revolutionär ablaufende Entwicklungen innerhalb einer so kurzen Zeit wie den letzten 50 Jahren anzupassen zu müssen. Viele Arten haben diese Anpassung schlicht und ergreifend nicht geschafft. Einige dieser Arten, die in landwirtschaftlich genutzten Räumen leben, werden als Agrarindikatorarten4 zur Beurteilung der Funktionsfähigkeit des Ökosystems herausgezogen. Diese Indikatoren verwenden sowohl Wissenschaftler:innen als auch zunehmend Landwirt:innen bei der Bewertung der Aktivitäten und Maßnahmen rund um die Artenvielfalt. Diese Erkenntnisse und Zusammenhänge gelten, wenn auch mit leichten Abstufungen sowohl in der konventionellen als auch in der ökozertifizierten Landwirtschaft.

Grundsätzlich werden sehr viele Anforderungen an die Landwirtschaft gestellt. Dies steht jedoch vielfach in einer negativen Korrelation zur eigentlichen Kernmotivation aller Landwirt:innen, nämlich Nahrungsmittel und Futtermittel für ihre Tiere herstellen zu wollen. Wenn Landwirt:innen sich substanziell mit anderen Themen auseinandersetzen und Maßnahmen für die Biodiversität ergreifen sollen, sind zwei wesentliche Dinge zu berücksichtigen. Erstens muss auf eine klare und wissenschaftlich nachvollziehbare Weise die Notwendigkeit belegt und verdeutlicht werden und zweitens müssen alle Dinge, die zusätzlich oder anstatt der Lebensmittel-/ Futtermittelherstellung erfolgen sollen, mindestens so wirtschaftlich sein wie das ursprüngliche Konzept.

Dazu kommt, dass schon im Vorfeld jeder Aktivität klar ist, dass egal wie groß der  Aufwand ist, mit dem jeder Einzelbetrieb versucht die Biodiversität zu fördern, auch summiert auf die komplette Landwirtschaft, nicht ausreichen wird, um den Verlust an Biodiversität zu stoppen. Nach wie vor gehen jeden Tag 56 ha landwirtschaftliche Fläche verloren5 und zwar in vielen Fällen irreversibel in den Bau von Straßen, Gewerbe oder Wohnhäuser. Auch Erstaufforstungen, so begrüßenswert sie auch sind, bedeuten dennoch einen Verlust an landwirtschaftlich nutzbarer Fläche. Das ist keineswegs schlimm, jedoch verschiebt sich  die Artenvielfalt dann eben weg von Offenlandarten hin zu Waldarten, auf die die Landwirt:innen folglich keinen Einfluss mehr haben.

Trotzdem bleibe ich engagiert am Thema und es macht umso mehr Freude, je mehr Landwirt:innen im Umfeld mitziehen. Sehr viele sind bereit, sich der neuen Aufgabe zu stellen, der eine früher als der andere, der andere intensiver als der eine. Landwirtschaft ist vielfältig und so auch der Umgang mit den neuen Herausforderungen. Klar ist auch, was bei uns funktioniert, muss in einer anderen Region nicht automatisch genauso funktionieren. Aber sich dennoch auszutauschen und Erfahrungen aus einer anderen Perspektive zu betrachten oder aus einer anderen Perspektive beleuchtet zu bekommen, sind mittlerweile regelmäßige Höhepunkte. Man ahnt als Außenstehende:r oft gar nicht, wie vernetzt Landwirt:innen sind, obwohl sie nach außen hin meist wie eine zerstrittene, heterogene Masse wirken.

Gottesanbeterin im Bestand. (Foto: Jana Gäbert)

Die ganze Angelegenheit ist einfach sehr vielschichtig und stark verzweigt. Es fällt auch mir schwer, alle Ziele, die ein:e Landwirt:in erreichen soll, auf einen Nenner zu bringen. Festzuhalten bleibt, dass der Verlust einer Art irreversibel ist und es schwer abzuschätzen ist, was passiert, wenn sie ausstirbt. In jedem Fall kann aber davon ausgegangen werden, dass eine sinkende Artenvielfalt sich auch negativ auf das Ertragspotenzial von Ackerkulturen auswirken wird. Aus diesem Grund setzen wir mittlerweile zahlreiche Maßnahmen um und verknüpfen sie miteinander, um möglichst viele Arten am Standort zu fördern.

Für mich war und ist bei der Auswahl sowie der Umsetzung der Maßnahmen, die Vereinbarkeit von landwirtschaftlicher Produktion von Lebens- und Futtermitteln und dem landwirtschaftlichen Beitrag zum Erhalt und Förderung der Biodiversität als oberste Priorität zwingend vorausgesetzt. Auch hier wussten und wissen es vielen Stimmen „besser“ und meinen, dies sei nicht möglich und die Förderung der Artenvielfalt sei nur mit großen Einschränkungen bei der Futter- und Lebensmittelproduktion zu erreichen. Auch hier wird, meist jedoch parteipolitisch beeinflusst, ökozertifizierte Landwirtschaft als die Lösung präsentiert. Dass das nur verknüpft mit einer Vielzahl von Prämissen möglich ist, wird dabei vielfach „vergessen“: Radikale Reduktion von Fleischverzehr und folglich einer auf ein Minimum zurückgefahrenen Tierhaltung samt Mangel an organischen Düngern, keine weitere Erzeugung von Bioenergie (Hinweis auf die politische 180° Wende!), notwendige Akzeptanz von teils kritischen Qualitätsmängeln bei den landwirtschaftlichen Erzeugnissen (Belastung mit Mykotoxinen, verschlechterte Backeigenschaften usw.), um nur einige zu nennen. Besonders die geringeren Erträge des ökologischen Landbaus6 erfordern mehr landwirtschaftliche Nutzfläche, um die gleiche Menge Nahrungsmittel produzieren zu können. Das ist Fläche, die aus der Produktion herausgenommen und dem Naturschutz gänzlich zur Verfügung gestellt werden könnte, und das vor dem Hintergrund einer wachsenden Weltbevölkerung und zunehmender Flächenknappheit. Auch in Hinblick auf den Klimawandel ist es zu hinterfragen, ob auf unseren landwirtschaftlichen Gunststandorten nicht im Sinne einer nachhaltigen Intensivierung gewirtschaftet und im Rahmen dessen Umweltschutz, hier am Beispiel der Förderung der Artenvielfalt integriert werden sollte.

Der Idee des Weltklimarates7 einer nachhaltigen Intensivierung folgend und mittlerweile auch aus meinen eigenen Erfahrungen, gibt es eine große Fülle von Grautönen zwischen den beiden Endpunkten. So sind Blühflächen oder Blühstreifen sehr gut in den Betrieb einzubinden, da die notwendige Technik bereits für den Ackerbau da ist. Bei uns liegt der Fokus auf mehrjährigen Blühmischungen. Diese Mischungen können gepflegt und folglich besser an die Bedürfnisse vieler Insekten angepasst werden. Vermehren sich bestimmte, für die Biodiversität eher hinderliche, meist sehr konkurrenzstarke Pflanzen, können diese durch Pflegemaßnahmen zurückgedrängt werden, was bei einjährigen Mischungen nicht funktioniert. So können gezielt konkurrenzschwächere Arten gefördert  werden, die meist einen deutlich größeren Beitrag für die Insektenvielfalt leisten. Ein Sich-selbst-überlassen (siehe oben: Vergrasung) bringt in den meisten Fällen nicht den gewünschten Effekt. Besonders was Nahrungsquellen für viele Insekten, aber auch Vögel angeht, leisten diese Flächen nur einen geringen Beitrag. Eine große Bedeutung haben Brachflächen dennoch. Gerade sandige und ertragsschwache Böden, auf denen auch offener Boden zu finden ist, sind für viele Insekten, insbesondere auch für die meisten Wildbienen, als Bruthabitate von großer Wichtigkeit. Wenn die Brachflächen zu stark zuwachsen, helfen wir schonmal technisch nach und stellen offene Rohbodenhabitate wieder her. An diesen beiden Flächentypen sieht man wie entscheidend die richtige Kombination verschiedener Maßnahmen ist. Es liegt auf der Hand, dass entweder Bruthabitate oder Nahrungshabitate nur einen Bruchteil dessen leisten, was beide nebeneinander liegend leisten können. Da rund 75 % der Wildbienenarten unterirdisch nisten und sich teilweise nur in einem sehr kleinen Radius um ihr Nest bewegen können, wird klar, dass beide Flächentypen sehr nah beieinander angelegt werden sollten. Blühstreifen und Brachen bieten aber auch jenseits der Insektenwelt vielen Tiere zumindest Nahrung und Rückzugsorte. Gerade auch in der Erntezeit dienen diese Flächen als Rückzugsorte für Insekten und andere Tiere, die dann die Ackerkulturen verlassen.

Die Erkenntnisse sind schlüssig und vielfach belegt. Dennoch ist die Anlage mehrjähriger Blühflächen oder -streifen leider sehr aufwendig. So müssen im Frühjahr mit einem feinkrümligen und möglichst unkrautfreiem Saatbett erst einmal die richtigen Voraussetzungen für die Aussaat der Blühmischung geschaffen werden. Wir setzen dazu Regiosaatgut-Mischungen ein, die bspw. zu 70 % Kulturarten wie z.B. Markstammkohl, Ringelblume, Buchweizen, Öllein oder Phacelia sowie aus 30 % Wildarten wie Wiesenkümmel, Wilde Möhre, Wiesen-Kerbel, Rainfarn oder Königskerzen-Arten bestehen. Wir haben zu Beginn unserer Aktivitäten, Ende 2015, viel über die Höhe des Anteils von Kulturarten in der Mischung diskutiert. Unter Berücksichtigung der Vorfrucht, eines gewissen Nährstoffüberhanges und des Bodenunkrautsamenvorrates wurde klar, dass auch im Ansaatjahr ausreichend massewüchsige Arten (die meisten Kulturarten sind im Verhältnis zu den Wildarten sehr massewüchsig und auch meist nur einjährig bzw. überjährig) auflaufen müssen, um unerwünschte Acker-Unkräuter wie z. B. Weißen Gänsefuß unterdrücken zu können. Durch Schröpfschnitte kann diese Funktion noch unterstützt werden. In den Folgejahren nehmen die  Kulturarten Schritt für Schritt ab und überlassen den Wildarten die Bühne. Unterstützend greifen wir hier mit alternierenden, streifen- oder musterweisen Pflegemaßnahmen (Mulchen) ein. Wir haben auch schon geschaut, was aus der Diasporenbank des Bodens aufwächst, wenn nach drei Jahren Blühfläche eine flache Bodenbearbeitung erfolgt. Das war wenig erfolgreich und eher kontraproduktiv, da Bruthöhlen zerstört wurden und die gewünschten Wildarten eben nicht auf ein Saatbett angewiesen sind. Sie vermehren sich auch ohne Bodenbearbeitung ganz gut. Voraussetzung dafür ist, aufgrund eines latent vorhandenen Unkrautdruckes (wieder der Verweis auf die Vergrasung), jedoch eine regelmäßige Begutachtung und Unterstützung der Streifen durch Pflegemaßnahmen.

Seit Anfang des letzten Jahres ist die Anlage von ein- und mehrjährige Blühstreifen in Brandenburg ins KULAP-Förderprogramm8 aufgenommen worden. Allerdings gibt es sehr strenge Vorgaben bei der zu verwendenden Blühmischung, die 60 % Wild- und nur 40 % Kulturarten enthalten darf. Basierend auf unseren Erfahrungen war von Anfang an zweifelhaft, ob der hohe Anteil an Wildarten mit der starken Unkrautkonkurrenz besonders im Ansaatjahr zurechtkommt. Nach dem ersten Jahr mit dieser Mischung hat sich gezeigt, dass sie sich auf ehemaligen ackerbaulich genutzten Flächen nur extrem schwer etablieren lässt. Auch ein Schröpfschnitt, der die Unkräuter kurzzeitig zurückdrängt, konnte nicht ausreichend Raum für die Keimung der meisten Wildarten schaffen. Die Anlage einer artenreichen Wildpflanzenfläche lässt sich also ohne die oben beschriebene Übergangsphase auf unseren Böden und unseren klimatischen Bedingungen nicht realisieren. Eine abermalige Ansaat wird vielfach notwendig werden.

Ist nach ein oder zwei Jahren die Anfangsphase überwunden, zeigen die Blühstreifen ihre volle Wirkung. Besonders erfreulich sind die verschiedenen Blühaspekte sowohl innerhalb eines Jahres als auch die Veränderungen von Jahr zu Jahr. Unsere Flächen hatten nach dem zweiten Jahr die höchste floristische Vielfalt und auch im aktuell fünften Jahr erfüllen sie noch hervorragend ihren Zweck. Leider kommt nun eine kritische Entscheidung auf uns zu, denn die Flächen, die länger als fünf Jahre Blühstreifen sind, verlieren den Ackerstatus und werden zu Grünland. Diese absolut unsinnige Regelung führt dazu, dass wir gezwungen sind, die etablierten Blühstreifen umzubrechen und wieder in die Produktion aufzunehmen. Auch unser jahrelanger Protest fand bis dato kein Gehör. Um weitere Landwirt:innen für Naturschutz bzw. Biodiversität  zu begeistern, müssen diese Stolpersteine verschwinden und potentielle Anlastungsrisiken (die Bestrafung für aktuell bereits kleinste Fehler bei der Beantragung und Umsetzung von Biodiversitätsfördernden Maßnahmen) reduziert werden.

Nachdem im vergangenen Jahr die Anlage von Blühstreifen überall im Betrieb möglich war, sieht es im zweiten Jahr völlig anders aus. Konnten letztes Jahr die Landwirt:innen selbst entscheiden, wo Blühflächen ausgesät werden und die größten positiven Auswirkungen zu erwarten sind, entscheidet in diesem Jahr das Ministerium direkt aus Potsdam, wo Blühstreifen platziert werden müssen. Dazu wurde eine sogenannte Kulisse geschaffen, die diese Vorgaben sichtbar macht. Nahezu keine Fläche, auf der wir in den vergangenen Jahren bereits Blühstreifen angelegt haben, findet sich in dieser Kulisse wieder. Die notwendige „Vor-Ort-Kenntnis“ – wo soll sie auch in Potsdam herkommen – ist vollständig unter den Tisch gefallen. So schnell können sich die Bedingungen eines anfänglich so vielversprechenden Förderprogramms ändern. Die für die Landwirt:innen notwendige Planungssicherheit sieht anders aus. Zumal das Förderangebot sehr gut angenommen wurde und viel mehr Ackerrandstreifen, einjährige und mehrjährige Blühstreifen angelegt wurden, als es anfänglich Geld im Förderprogramm gab. Landwirt:innen sind also absolut bereit, ihren Beitrag zum Erhalt und Förderung der Biodiversität zu leisten, wenn die ökonomischen Bedingungen stimmen bzw. geklärt sind. Diese Bereitschaft wird nun zum wiederholten Male politisch untergraben. Auch geringe Abweichungen bei der geografischen Verortung oder der geometrischen Formen der Blühstreifen werden ohne Diskussionsspielraum geahndet und mit Fördermittelabzügen bestraft. So haben wir nach den ersten Interpretationen (!) seitens des Fördermittelgebers, Teile von Blühstreifen direkt nach dem Auflaufen wieder umgebrochen, um zumindest ein Teil der Fördermittel zu sichern, weil die vollständige Aberkennung drohte. Viele dieser Erfahrungen und Erkenntnisse haben wir bereits geteilt und hoffen, dass diese Berücksichtigung finden, zukünftige Förderprogramme realitätsnah zu gestalten.

Ein Lerchenfenster im Bestand. (Foto: Jana Gäbert)

Neben den bereits beschriebenen Maßnahmen stellen wir auch Sitzstangen zur Unterstützung von Greifvögeln auf, bringen hunderte Nistkästen in der Landschaft an und lassen im Getreide Lerchenfenster9 entstehen. Aufgrund der nahezu überall geschlossenen Vegetationsdecke, haben wir innerhalb einer südexponierten Brache eine künstliche Abbruchkante geschaffen. An dieser fast vertikalen offenen Bodenfläche haben sich zahlreiche Wildbienen und andere Insekten, aber auch kleinere Säugetiere angesiedelt. Mit dem Aushub haben wir zu dem eine Offenbodenfläche angelegt, die vielen endogäischen Insekten gerecht wurde. Sogar einer Kolonie von Ufer-Schwalben konnten wir in einem Sandhaufen mit Abbruchkante direkt neben der Milchviehanlage ein Zuhause bieten. Darüber hinaus tun wir aber noch viel mehr.

Das Foto zeigt eine selbstangelegte Abbruchkante, eine Kombination aus Brut- und Nahrungshabitat. (Foto: Jana Gäbert)
Nahaufnahme einer selbstangelegten Abbruchkante. (Foto: Jana Gäbert)

Das Gute ist, dass wir unabhängige Expert:innen haben, die unsere Maßnahmen monitoren. So untersucht bei uns u.a. Dr. Christian Schmidt-Egger die Vorkommen von Wildbienen und Wespen, Dr. Karl-Hinrich Kielhorn die Laufkäfer und Spinnen und Mark Schönbrodt die Vögel. So bekommen wir einen Überblick, was auf unseren Flächen passiert.

Hierzu ein paar Zahlen am Beispiel Laufkäfer und Spinnen (Abbildung 110). Im Laufe der Jahre wurden 117 verschiedene Arten an Laufkäfern und 173 verschiedene Spinnenarten auf unseren Versuchsflächen gesichtet.

Abbildung 1: Laufkäfer: 117 Arten; Spinnen: 173 Arten

Dabei hat sich gezeigt, dass es unterschiedliche Präferenzen zwischen den Habitatsansprüchen zwischen Laufkäfern (Abbildung 2)11 und Spinnen (Abbildung 3)12 gibt. Dies zeigt, wie komplex die Förderung der Artenvielfalt ist, denn selbst hier gibt es Zielkonflikte. Laufkäfer bevorzugen andere Habitate als Spinnen, Wildbienen sind teilweise auf einzelne Pflanzenarten spezialisiert und der Kiebitz brütet am liebsten auf schwarzem Acker, während die Feldlerche den Schutz des Getreidebestands sucht. Darum ist es notwendig, unterschiedliche Maßnahmen an den unterschiedlichen Standorten zu ergreifen. Aber auch anzuerkennen, dass es nicht möglich ist, alles an einem Standort zu ermöglichen.

Abbildung 2: Habitatpräferenzen von Spinnen (Kielhorn, Präsentation Monitoring 2019 Trebbin).
Abbildung 3: Habitatpräferenzen von Laufkäfern (Kielhorn, Präsentation Monitoring 2019 Trebbin).

Dr. Schmidt-Egger hat bei uns bisher 128 unterschiedliche Wildbienenarten über die Jahre 2016 – 2019 gefunden, davon 28 Rote-Liste-Arten und weitere 14 stehen bereits auf der Vorwarnliste. Fünf Arten sind neu in 2019 dazu gekommen. Ähnlich sieht es auch bei den Wespenarten aus. Bisher konnte er 106 unterschiedliche Arten bei uns ausmachen, davon 20 Rote-Liste-Arten und weitere drei auf der Vorwarnliste. 15 Arten sind neu in 2019 dazu gekommen13. Natürlich gibt es Schwankungen und auch die Auswirkungen der Dürrejahre auf die Verteilungen sind ersichtlich, denn Trockenheit hat Auswirkungen auf das Blütenspektrum und auch auf die Blühdauer. Das Vorkommen der Insekten wirkt sich dann wiederum  auf das Brutverhalten der Vögel aus. Allerdings waren sich die Expert:innen in der Auswertung sicher, dass wir durch unsere Habitatsangebote einige der negativen Auswirkungen abmildern konnten.

Wichtig für die Zukunft wäre es, einen zielorientierten Diskurs zu führen und die Landwirtschaftsbetriebe unabhängig von ihrer Produktionsweise als gleichwertige Partner zu betrachten. Die Förderung von Biodiversität benötigt aktive Maßnahmen, die sich in ihrer Zielstellung unterscheiden. Es muss klar sein, dass es keine eierlegende Wollmilchsau geben wird, auch innerhalb der Biodiversitätförderung gibt es Spannungsfelder und Zielkonflikte. Die Förderung der Artenvielfalt sollte wie ein betrieblicher Wirtschaftszweig behandelt werden, denn Landwirt:innen sind darauf angewiesen, ein Einkommen zu haben.

Jeder Landwirtschaftsbetrieb muss ökologische, ökonomische und soziale Aspekte erfüllen, nur dann kann wirklich von Nachhaltigkeit im eigentlichen Sinne gesprochen werden. Außerdem sollten die bereits gemachten Erfahrungen und daraus gewonnenen Erkenntnisse in politische Entscheidungen einfließen. Landwirt:innen sind ein bedeutender Teil der Lösung, dennoch ist die Förderung der Artenvielfalt eine große Gemeinschaftsaufgabe. Auch Kommunen könnten z. B. bei Straßenrandanlagen und Stadtbepflanzungen, ähnlich wie die Landwirt:innen, biodiversitätsfördernde Aspekte berücksichtigen. Am Ende kann aber auch jede:r Einzelne im Garten, auf dem Balkon oder beim Einkauf (z. B. Lerchenbrot14) etwas tun.

Jana Gäbert

Einzelnachweise

  1. https://www.donaukurier.de/lokales/riedenburg/wochennl032021-Bekenntnis-zu-Bio;art602,4732246
  2. Weitere allgemeine Informationen zum Thema „Greening“, z. B. unter https://www.bmel.de/SharedDocs/FAQs/DE/faq-GAP/FAQ-GAP_List.html
  3. Ausführlich beschrieben im Artikel „Bedrohte Insekten wirksam schützen“, Betriebszweig Biodiversität als Sonderheft der DLG-Mitteilungen, November 2020, Dr. Christian Schmidt-Egger
  4. Hoffmann, Jörg / Kiesel, Joachim / Strauß, Dierk-Dieter / et al: Vogelindikator für die Agrarlandschaft auf der Grundlage der Abundanzen der Brutvogelarten im Kontext zur räumlichen Landschaftsstruktur. 2007.
  5. Statistisches Bundesamt (2020): Anstieg der Siedlungs- und Verkehrsfläche (https://www.destatis.de/DE/Themen/Branchen-Unternehmen/Landwirtschaft-Forstwirtschaft-Fischerei/Flaechennutzung/Publikationen/Downloads-Flaechennutzung/anstieg-suv.pdf?__blob=publicationFile)
  6. https://doi.org/10.1038/nature11069
  7. https://www.de-ipcc.de/
  8. https://mluk.brandenburg.de/mluk/de/service/foerderung/landwirtschaft/foerderung-kulturlandschaftsprogramm/
  9. https://www.landwirtschaftskammer.de/Landwirtschaft/naturschutz/biodiversitaet/lerchenfenster/index.htm
  10. Kielhorn, Präsentation Monitoring 2019 Trebbin
  11. Kielhorn, Präsentation Monitoring 2019 Trebbin
  12. Kielhorn, Präsentation Monitoring 2019 Trebbin
  13. Schmidt-Egger, Endbericht 2019 Trebbin
  14. https://www.lerchenbrot.de/

Ein Kommentar

  1. danke für diesen sehr guten Bericht. Man kann nur hoffen, dass er von vielen Landwirten und noch mehr Nichtlandwirten und Politikern gelesen wird!

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