Pflanzenschutz im Wandel: Wirkstoffverlust und seine Folgen

In den letzten zehn Jahren hat sich der Pflanzenschutz in Landwirtschaft und Gartenbau grundlegend verändert – und das nicht immer zum Vorteil derer, die unsere Felder, Gärten und Gewächshäuser bewirtschaften.

Applikationstechnik zum Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln im integrierten Obstbau. (Plewka-Mandelkow)

Zahlreiche chemisch-synthetische wie auch biologische Pflanzenschutzwirkstoffe sind nach und nach vom Markt verschwunden. Seit 2019 wurde in Europa kein neuer chemisch-synthetischer und kaum ein biologischer Wirkstoff genehmigt. Bei den letzten Genehmigungen handelte es sich um Grundstoffe bspw. um Substanzen wie Knoblauchextrakt, Milch und Backpulver.

Was zunächst wie ein Erfolg für Umwelt- und Verbraucherschutz erscheint, hat in der Praxis erhebliche Konsequenzen.

Warum verschwinden immer mehr Pflanzenschutzmittel?

Der Hauptgrund liegt in zunehmend strengeren gesetzlichen Anforderungen, an die Genehmigungen von Wirkstoffen auf europäischer, und an die Zulassungen von Produkten auf nationaler Ebene. Die EU-Verordnung (EG) Nr. 1107/2009 legt hohe Maßstäbe an die Umwelt- und Gesundheitsverträglichkeit von Wirkstoffen. Viele ehemals gebräuchliche Substanzen erfüllen diese Vorgaben nicht mehr und wurden entweder nicht erneut genehmigt oder verboten. Pflanzenschutzmittel verlieren automatisch nach 10 Jahren ihre Zulassung, mit neuen Studien kann die Zulassung erneut beantragt werden. Wenn sich trotz hoher Zulassungskriterien, -Versuchen und -Modellierungen negative Eigenschaften zeigen, kann die Zulassung auch vorzeitig entzogen werden (Verbot). In Deutschland scheint die Zahl verfügbarer Wirkstoffe seit Jahren konstant ~ 280 Wirkstoffe. Allerdings verlieren immer mehr relevante hochwirksame chemisch-synthetische Wirkstoffe ihre Genehmigung (~30 % seit 2015). Neue Wirkstoffe sind oft nur bedingt wirksam, oder hoch spezifisch und decken nur wenige Kultur-Schaderreger-Kombinationen (Indikationen) ab.

Ackerfuchsschwanz im Gerstenfeld.
Ackerfuchsschwanz im Gerstenfeld. Das Beikraut Ackerfuchsschwanz konkurriert u. a. mit der Kultur Gerste um Nährstoffe und breitet sich schnell aus. (Müllner)

Laufende Prüfungen können weitere Einschränkungen mit sich bringen. Betroffen sind Mittel gegen Beikräuter wie den Ackerfuchsschwanz (Herbizide wie Metribozin), Beizmittel (wie Fludioxonil), Wirkstoffe gegen Pilze (Fungizide wie Prochloraz) oder Insekten (Insektizide wie Pymetrozin, Pirimicarb, oder Indoxacarb) – häufig ohne adäquate Alternativen. Die Wirkstoffgruppen, die in den letzten Jahren am stärksten zugelegt haben, sind Biologika wie mikrobielle Wirkstoffe, Pheromone und Wachstumsregler. Biologika sind oft hoch spezifisch und daher nur für wenige Indikationen einsetzbar. Zusätzlich erscheint die Anzahl der verfügbaren mikrobiellen Wirkstoffe oft größer, als sie in der praktischen Anwendung tatsächlich ist. Da häufig zahlreiche Stämme desselben Bakteriums, als unterschiedliche Wirkstoffe gelistet werden, obwohl sie oft ähnlich wirken und für dieselben Indikationen eingesetzt werden. In der Praxis sind sie daher weitgehend gleichwertig. So gibt es zum Beispiel derzeit 14 verschiedene genehmigte Trichoderma-Wirkstoffe (5 Spezies) in Europa, 5 davon in Deutschland (3 Spezies) (Abfrage der EU-Datenbank am 11.06.2025). Um die Brisanz des Wirkstoffverlustes in Deutschland nachvollziehen zu können, sollte man also nicht auf die Anzahl der verfügbaren Wirkstoffe schauen, sondern mithilfe einer Engpassanalyse gezielt die Verfügbarkeit von Wirkstoffen für einzelne Indikationen betrachten.

Was bedeutet das für Landwirte, Gartenbaubetriebe und die Gesellschaft?

Kurz gesagt: viel Aufwand, höhere Kosten und neue Risiken:

  • Resistenzmanagement wird immer schwieriger. Im Integrierten Pflanzenschutz (IPS), welcher guter landwirtschaftlicher Praxis folgt, bilden Sorten- und Standortwahl, Aussaatzeitpunkt, adäquate Pflanzenernährung, Nützlingsförderung und biologischer Pflanzenschutz die Grundlage. Erst als letztes Mittel werden chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel (PSM) eingesetzt. Um Resistenzen vorzubeugen, sollten pro Schädling und Kultur mindestens drei Wirkstoffe verschiedener Wirkstoffklassen verfügbar sein. Dennoch sind für viele Indikationen keine drei Wirkstoffe mehr vorhanden. Weil zu wenige Mittel mit unterschiedlicher Wirkweise zur Verfügung stehen, kommt es bei den Schädlingen zu Resistenzen gegen die verbliebenen Wirkstoffe, sodass weitere Wirkstoffe verschwinden.
  • Bürokratischer Aufwand steigt. Der Aufwand für die Zulassungsdossiers steigt, da immer mehr Versuche, mit höherer Anforderung, im Vorfeld durchgeführt werden müssen. Die Genehmigung des Wirkstoffs erfolgt über EU-Institutionen. Die Pflanzenschutzmittel, also die fertigen Formulierungen für die Anwendung, werden wiederum auf nationaler Ebene zugelassen. In Deutschland wird dafür von vier Bundesbehörden geprüft: dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), dem Julius Kühn-Institut (JKI), dem Umweltbundesamt (UBA) und dem Bundesamt für Risikobewertung (BfR). Dadurch nimmt die Zulassung von PSM viele Jahre in Anspruch. Aufgrund des Mangels an PSM kommt es seit einigen Jahren vermehrt zu sogenannten Notfallzulassungen. Das heißt, dass PSM, die für bestimmte Indikationen keine reguläre Zulassung haben, für einen begrenzten Zeitraum dennoch genutzt werden dürfen. Diese Nutzung muss dann für die entsprechende Indikation und den benötigten Zeitraum jedes Mal erneut beantragt werden. Dadurch entstehen hohe Kosten, auch für den Steuerzahler.
  • Die Erträge und die Qualität leiden. Beikräuter, Krankheiten und Schädlinge werden schwer zu kontrollieren und können den Ertrag gefährden. Es kann zu Ertragsverlust, optischen Makeln und Totalausfällen kommen.
    Ein besonders brisantes Beispiel dafür ist die Bekämpfung von Blattläusen in Kopfsalaten (Engpassanalyse). Hier sind fünf Kontaktmittel, drei mit unbekannter Wirkweise und zwei Pyrethroide und (noch) ein systemisches Mittel (Neonicotinoid) zugelassen. Auf den ersten Blick scheint es, als ständen mit sechs Wirkstoffen aus drei Wirkstoffgruppen genügend Mittel zur Verfügung, aber: die Kontaktmittel erreichen die Blattläuse im Salatkopf nicht und haben somit wenig bis gar keinen Nutzen! In der Praxis steht also nur ein Mittel zur Verfügung.
  • Die Gesundheit des Konsumenten kann prinzipiell gefährdet werden, da Nachtschattengewächse (giftiges Beikraut) und Mykotoxine (Gifte die von Schadpilzen produziert werden), in die Nahrungsmittel gelangen könnten, wenn es nicht sehr hohe Sicherheitskontrollen gäbe.
    Krümler für die mechanische Bodenbearbeitung in einem biologischen Obstbaubetrieb. (Plewka-Mandelkow)
  • Die Produktionskosten steigen, weil mechanische Alternativen (z. B. Unkrautbekämpfung per Hand oder Gerät) teurer und zeitintensiver sind. Oft fehlen hier die benötigten Fachkräfte gänzlich.
  • Sonderkulturen sind besonders betroffen. Bei Kulturen, wie Obst, Wein, Gemüse oder Zierpflanzen, sind die Zulassungsverfahren für Agrarunternehmen häufig zu kostenintensiv – durch verhältnismäßig geringe Absatzmengen (Kosten-Nutzen-Abwägung).
  • Importe werden attraktiver. Weil andere Länder weiterhin auf zuverlässige PSM setzen können, die bei uns keine Zulassung (mehr) haben, greifen Großhändler vermehrt auf billigere Importware zurück. Denn diese hat weniger Risiken für Ertragsausfälle und Schönheitsfehler. Hinzu kommen die höheren Kosten beim heimischen Anbau, durch höhere und wichtige Arbeits- und Sicherheitsstandards, sowie höhere Lohnzahlungen.
  • Klima- und Umweltschutz wird global verschlechtert. Importierte Waren verursachen höhere Transportemissionen als regional produzierte Produkte. Zudem sind mechanische Methoden der Unkrautbekämpfung, wie etwa der Einsatz eines Pflugs, sehr energieintensiv. Durch das Aufbrechen des Bodens werden dabei Kohlenstoff- und Stickstoffverbindungen freigesetzt, die als Treibhausgase wirken. Hinzu kommt, dass die Auslagerung unserer Lebensmittelproduktion ins Ausland häufig mit klimaschädlichen und umweltbelastenden Maßnahmen einhergeht. Ein deutliches Beispiel dafür ist die fortschreitende Abholzung von Regenwäldern für den Anbau von Palmöl, Zuckerrohr, Soja oder für die Rindfleischproduktion.

Und was nun? Gibt es einen Ausweg?

Ja – aber es braucht Weitblick und Veränderungsbereitschaft:

  • Schnellere und innovationsfreundliche Zulassungsverfahren Pflanzenschutzmittel, die über Jahre hinweg Notfallzulassungen bekommen, sollten regulär zugelassen werden, zumindest bis geeignete Alternativen bereitstehen. Dabei sollten Genehmigungsverfahren für neue Wirkstoffe und Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel vereinfacht und beschleunigt werden.
  • Risiko-Nutzen-Analyse anstelle reiner Risiko-Analyse – Wirkstoffe sollten nicht ausschließlich einer reinen Risikobewertung unterzogen werden; vielmehr sollten ihre Risiken im Verhältnis zum potenziellen Nutzen abgewogen werden. Und im Verhältnis zu der Verfügbarkeit, den Risiken und den Kosten potenzieller Alternativen.
  • Mehr Förderung für die Erforschung neuer Wirkstoffe und Verfahren – egal ob chemisch-synthetisch, biologisch oder mechanisch. Ein Beispiel sind hier RNAi basierte Wirkstoffe, welche aber noch viele Jahre von der Anwendung in der Praxis entfernt sind.
  • Faire Wettbewerbsbedingungen – Importprodukte sollten denselben Standards unterliegen wie heimische Erzeugnisse.
  • Mehr Unterstützung für Landwirte, die sich dem Umstieg stellen – durch Beratung, Technik oder finanzielle Hilfen.
  • Ein Umdenken in der Lebensmittelindustrie, dem Handel und der Verbraucher – optische Makel sollten nicht automatisch zum Ausschluss von Lebensmitteln führen, wenn diese gesundheitlich unbedenklich sind. Auch sollte mehr auf den tatsächlichen Nachhaltigkeitsaspekt als auf das System (Bio- oder IPS) geachtet werden. Ähnlich wie bei dem Vergleich der Vor- und Nachteile der Plastik verschweißten Bio-Gurke aus Spanien mit einer konventionell erzeugten Gurke vom Landwirt aus der Region.
  • Förderung von Züchtung resistenter und resilienter Sorten – dabei sollten Züchtungstechnologien, wie Neue Genomische Techniken (NGTs), nicht ignoriert werden. Durch moderne Sorten kann die Ertragsstabilität gesteigert und die Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln reduziert werden.

Neue Wege im Pflanzenschutz: Was bringen Neue Genomische Techniken?

Eine Möglichkeit dem Wirkstoffverlust zu begegnen, ist die beschleunigte Züchtung widerstandsfähiger Sorten. Beispielsweise durch NGTs; darunter besonders die CRISPR/Cas-Technologie. Diese molekularbiologischen Werkzeuge ermöglichen gezielte Eingriffe in das Erbgut von Pflanzen – präziser und schneller als klassische Züchtung:

Was ist mit NGTs möglich?

  • Zeitersparnis – Die Züchtung einer Pflanze bzw. deren Zulassung benötigt, abhängig von der Kultur, etwa 10 Jahre (bei Obstgehölzen 20-30 Jahre). Dabei sind die Identifikation der DNA-Bereiche, die die Resistenz tragen und Rückkreuzungsschritte, um unerwünschte Eigenschaften zu entfernen (bspw. schlechter Geschmack), noch nicht eingerechnet. Diese nehmen viel Zeit, Platz, Forschung und Geld in Anspruch. Durch Optimierung bereits geeigneter Sorten können diese Faktoren erheblich reduziert werden.
  • Krankheitsresistente oder schädlingsresistente Pflanzen NGTs ermöglichen die Modifikation bestehender Sorten, sodass diese ohne aufwändige Rückkreuzung von sich aus weniger anfällig für Krankheitserreger sind. Dadurch ist eine Reduktion von Pflanzenschutzmitteln ohne große Ertragsverluste möglich.
  • Klimaanpassung Durch NGTs kann die Toleranz der Pflanze gegenüber Hitze, Trockenheit oder Starkregen verbessert werden.
  • Verbesserte Wachstumseigenschaften NGTs ermöglichen die Entwicklung von Sorten, die z. B. ein stabiles Wachstum haben, Nährstoffe besser aufnehmen können, oder schädliche Stoffe (z. B. Schwermetalle) weniger aufnehmen/anreichern. Potenziell könnte u. a. der Einsatz von Düngemitteln reduziert werden, wodurch das Klima geschont würde, da weniger stickstoffhaltige Treibhausgas-Verbindungen wie Lachgas freigesetzt würden.
  • Optimiertes Nährstoffprofil – Durch neue Züchtungstechnologien können allergieauslösende Inhaltsstoffe reduziert, der Vitamingehalt erhöht, oder andere Inhaltsstoffe verändert werden.

NGTs können ein langfristiger, nachhaltiger Baustein für den Pflanzenschutz der Zukunft sein – vorausgesetzt, sie werden gesellschaftlich akzeptiert und rechtlich ermöglicht. Statt Blockade ist ein verantwortungsvoller Einsatz gefragt. Viele Anwendungsbeispiele finden sich in unserer CRISPR-Bibliothek. Aber auch mit modern gezüchteten Sorten wird es keine Landwirtschaft komplett ohne Pflanzenschutzmittel geben. Pflanzenschutzmittel werden immer ein wichtiger Bestandteil einer sinnvollen Anbaustrategie sein.

Was bleibt festzuhalten?

Der Rückgang von Pflanzenschutzmitteln in Deutschland ist kein abstraktes Problem, sondern betrifft ganz konkret unsere Ernährung, unsere Preise im Supermarkt – und unsere Landwirte, die täglich mit den Folgen kämpfen.

Ein nachhaltiger Pflanzenschutz ist wichtig. Doch ohne praktikable Alternativen, realistische Übergangszeiten und faire Rahmenbedingungen droht der Strukturwandel in der Landwirtschaft weiter an Fahrt aufzunehmen – mit ungewissem Ausgang: Landwirte hören auf, weil sie dem Konkurrenzdruck der Importware nicht gewachsen sind. Die Ernährungssouveränität in Deutschland nimmt ab und auch das Verständnis für die Produktion von Lebensmitteln.

Dabei gilt: Auch eine Landwirtschaft mit weniger Pflanzenschutzmitteln ist keine Natur-, sondern eine Kulturlandschaft, mit entsprechend eingeschränkter Biodiversität (das gilt auch für Bioflächen). Eine intensive Bewirtschaftung mit dem höchstmöglichen Ertrag pro Fläche könnte die insgesamt benötigte landwirtschaftliche Fläche reduzieren. Dies kann ermöglichen, die Ausdehnung der landwirtschaftlich genutzten Fläche insgesamt zu verhindern und einem Export unserer Umwelt- und Biodiversitätsprobleme vorbeugen.

Wir haben in Deutschland gute Böden, mildes Klima und umfangreiche Sicherheitsstandards, die uns und auch der Umwelt einen guten Kompromiss hinsichtlich des Zielkonflikts „Natur und Ernährung“ ermöglichen. Wir sollten daher alles tun, um unsere heimische Landwirtschaft zu erhalten.

Jan Plewka-Mandelkow
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