Regionale Lebensmittel sind besser, ist doch klar?

Lebensmittel aus der eigenen Region werden oft mit mehr Nachhaltigkeit gleichgesetzt, aber ist das so einfach?

Diese Frage hatte ich in einem Übersichtsartikel mit umfangreichem Literaturverzeichnis erörtert, auf den ich mich hier stütze (und von dem es hier eine überarbeitete Version ohne Bezahlmauer gibt). Im Folgenden verlinke ich daher nur die Quellen, die nicht in dem Übersichtsartikel enthalten sind.

Was genau sind “regionale Lebensmittel” – und was ist “Nachhaltigkeit”?

Stände auf einem Wochenmarkt.

Regionale Lebensmittel werden in einem bestimmten geographischen Gebiet hergestellt, verarbeitet und verkauft, wobei sich dieses Gebiet von der nationalen oder gar internationalen Ebene unterscheidet. Als Faustregel kann gelten, dass regionale Lebensmittel aus dem unmittelbaren Umland der jeweiligen Verbraucher:innen kommen sollen und die Verbraucher:innen mit dem Gebiet, in dem diese Lebensmittel produziert werden, vertraut sein sollten.

Regionale Lebensmittel sollten dabei nicht mit dem Konzept der kurzen Lieferketten verwechselt werden, welches nicht auf geographischer Nähe beruht, sondern auf der (begrenzten) Anzahl von Mittelsleuten und Handelsstufen zwischen Produzent:innen und Verbraucher:innen, selbst wenn es in der Praxis Überschneidungen geben kann (etwa, wenn Verbraucher:innen Lebensmittel direkt von Landwirt:innen aus der Region kaufen, z. B. auf dem Bauernmarkt oder im Hofladen).

Laut Wikipedia wird Nachhaltigkeit im Allgemeinen “als Form der Ressourcennutzung verstanden, die […] auf dem gleichzeitigen und gleichberechtigten Umsetzen von Umweltschutz, langfristigem Wirtschaften und einem fairen Miteinander beruht, damit auch zukünftige Generationen gut leben können.” Das heißt, “mehr Nachhaltigkeit” beschreibt ein Handeln, das bessere Ergebnisse bringt in Bezug auf die drei Dimensionen Umwelt, Wirtschaft und Soziales.

Sind regionale Lebensmittel besser für die Umwelt?

Es wird oft davon ausgegangen, dass regionale Lebensmittel besser für die Umwelt bzw. das Klima seien, weil sie über kürzere Strecken transportiert werden (sie also weniger Food Miles zurücklegen). Das würde stimmen, wenn die mit dem Transport zusammenhängenden Treibhausgasemissionen der einzige oder zumindest der dominante Faktor wären, der den CO2-Fußabdruck von Lebensmitteln bestimmt. Das ist aber nicht der Fall, vielmehr tragen die Transportemissionen sehr wenig zu den Gesamtemissionen bei, d. h. andere Faktoren – Landnutzung, Produktion, Verarbeitung usw. – können den Ausschlag geben und importierte Lebensmittel trotz längerer Transportwege nachhaltiger machen. (Eine gerade herausgekommene Studie zeigt z. B., dass Äpfel aus Chile, die in Großbritannien verkauft werden, einen niedrigeren CO2-Fußabdruck haben können als Äpfel, die in Großbritannien angebaut wurden.)

Der meist vernachlässigbare Beitrag von Transportemissionen zum CO2-Fußabdruck von Lebensmitteln ist in diesem Schaubild von Our World In Data schön dargestellt. Darin sollen die roten Balkenabschnitte eigentlich die Treibhausgasemissionen des Transports anzeigen, aber sie sind kaum zu sehen – da sie eben nahezu irrelevant sind:

Grafik von Our World in Data, die die Treibhausgas-Emissionen der Produktion unterschiedlicher Lebensmittelklassen aufzeigt.
Abbildung: Lebensmittel: Treibhausgas-Emissionen entlang der Lieferkette. Die Treibhausgas-Emissionen werden in kg CO2-Äquivalente pro kg Lebensmittel angegeben. Der Anteil der einzelnen Parameter ist in unterschiedlichen Farben dargestellt: Landnutzungsveränderung grün, Anbau braun, Tierfutter orange, Verarbeitung blau, Transport rot, Einzelhandel gelb, Verpackung dunkelgrau und Verluste hellgrau (Datenquelle: Joseph Poore and Thomas Nemecek (2018). OurWorldinData.org/environmental-impacts-of-food | CC BY).

Was das Schaubild auch sehr schön zeigt ist: ob wir tierische oder pflanzliche Produkte essen macht einen sehr viel größeren Unterschied als die Entfernung, über die diese transportiert wurden. Fleisch (auch aus regionaler Produktion) verursacht drastisch mehr Treibhausgasemissionen als Tofu (selbst aus importierten Sojabohnen) oder als moderne Fleischalternativen (die z. B. aus Erbsen und Pflanzenöl hergestellt werden). Das ändert sich übrigens auch dann nicht, wenn die Treibhausgasemissionen anstatt auf das Kilogramm Produkt, auf den Eiweißgehalt der Lebensmittel bezogen werden.

Die Transportemissionen fallen nur dann merkbar ins Gewicht, wenn Produkte mit dem Flugzeug transportiert werden. Wenn in einem Geschäft also – was ich schon gesehen habe – teure “Flug-Mango” angeboten werden, dann ist deren CO2-Fußabdruck deutlich höher als der Fußabdruck per Schiff transportierter Mangos. (Ein Kilogramm Obst oder Gemüse mit dem Flugzeug von Südamerika nach Europa zu bringen stößt über 10 kg CO2-Äquivalente aus, wohingegen der Transport mit dem Schiff deutlich weniger als 1 kg CO2-Äquivalente ausstößt.) Da die Angabe des Transportmittels auf der Verpackung jedoch nicht vorgeschrieben ist, können Verbraucher:innen den Transportweg oft nicht nachvollziehen. Häufig gilt jedoch, dass Fisch aus Afrika, Gemüse wie Spargel aus Peru oder Bohnen aus Kenia, und exotische Obstarten wie Papaya, Guave, Mango und Ananas aus Afrika eingeflogen werden, sowie auch Beeren außerhalb der heimischen Saison.

Das Konzept der Food Miles – und somit auch die Idee, dass regionale Lebensmittel an sich einen niedrigeren CO2-Fußabdruck haben – ist andernfalls schlichtweg irreführend. Und auch in Bezug auf andere Aspekte des Umweltschutzes können Faktoren wie Landnutzung, Skaleneffekte, oder landwirtschaftliche Intensivierung und Produktionsmethoden zu negativen Auswirkungen regionaler Produktion führen.

Sind regionale Lebensmittel besser für soziale Aspekte oder die Wirtschaft?

Ein wichtiger sozialer Aspekt der Lebensmittelproduktion ist die Ernährungssicherung. Angesichts der Unterschiede in den agrarökologischen und klimatischen Bedingungen zwischen verschiedenen Regionen, sowie der Existenz von Ballungsräumen mit wenig Platz für regionale landwirtschaftliche Produktion, gibt es einen Konsens in der Fachliteratur, dass regionale Produktion die Sicherung der Ernährung nicht gewährleisten kann.

Anstatt auf regionale Produktion zu setzen, ist für die Ernährungssicherung vielmehr eine strategische Diversifizierung des Nahrungsmittelangebots nötig, die den überregionalen Handel mit Lebensmitteln bedingt. Dadurch können auch die Preise für Lebensmittel gesenkt werden, was den Zugang von Verbraucher:innen zu erschwinglicher, gesunder Ernährung verbessert.

Regionale Produktion kann jedoch unter Umständen den Erhalt lokaler Esskultur unterstützen, die Beziehungen zwischen Stadt und Land stärken oder helfen, die Attraktivität und wirtschaftliche Stabilität ländlicher Gebiete zu erhalten. Insofern Verbraucher:innen bereit sind mehr für regionale Lebensmittel zu zahlen, kann dies auch zu höheren Einnahmen von Landwirt:innen führen. Insgesamt trägt der Verkauf regionaler Produkte jedoch nur begrenzt zur ländlichen Entwicklung bei. Bessere Dienstleistungen (Gesundheitsversorgung, ÖPNV, Internet) spielen z. B. eine größere Rolle.

Andererseits kann auch der internationale Handel – also das Gegenteil von Regionalität – die Rentabilität in der Landwirtschaft steigern, insbesondere wenn Produkte zu Premiumpreisen vertrieben werden können, wie dies z. B. bei Produkten mit geographischen Angaben der Fall ist, d. h. auch in Bezug auf die soziale und wirtschaftliche Dimension von Nachhaltigkeit sind regionale Lebensmittel nicht eindeutig “besser”.

Was wäre besser? Eine Kennzeichnungspflicht vom Klima-Fußabdruck

Wenn “regional” keine verlässliche Hilfe ist, um nachhaltigere Lebensmittel zu kaufen, was ist dann die Lösung? Einerseits kann ein Fokus auf pflanzliche Lebensmittel helfen, Produkte mit einem messbar niedrigeren CO2-Fußabdruck auszuwählen, wie das obige Schaubild von Our World In Data zeigt. Auch Lebensmittel aus moderner Fermentation sind in dieser Hinsicht sehr vielversprechend. Andererseits könnte auch die Einführung eines verpflichtenden und faktengestützten Kennzeichnungssystems helfen, das die relative Nachhaltigkeit oder zumindest die Klimabilanz eines Produkts auf einen Blick zeigt (ähnlich dem Nutri-Score bei der Ernährung, auch wenn dieser leider noch nicht verpflichtend ist).

 

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