Biodiversität durch Kooperation: Naturschutz geht nur gemeinsam

Zusammenarbeit von Naturschutz und Landwirtschaft in Bremen

Naturschutz und Landwirtschaft – wie kann das zusammenpassen? Eine Frage, die schon lange, aber auch aktuell wieder sehr intensiv debattiert wird. Für mich ist klar: beides muss zusammen gedacht und zusammen gemacht werden. Die naturschutzfachlichen Probleme in der Landschaft einerseits und die Probleme der Landwirtschaft andererseits sind sehr ausführlich beschrieben, sodass ich das hier nicht wiederholen will, sondern lieber von der abstrakten Ebene wegkommen möchte: Denn das wichtige ist das, was draußen in der Landschaft passiert.

Deswegen will ich in diesem Artikel von den Bemühungen, Lösungen und Wegen sprechen, die sich in Bremen etabliert und bewährt haben.

Die Landwirtschaft in Bremen

Auch wenn bei Bremen nicht jeder im ersten Moment an Landwirtschaft denkt: es gibt sie. Auf rund 12.000 ha landwirtschaftlicher Fläche  wirtschaften knapp 150 Betriebe. Bedingt durch die Lage in den Flussniederungen von Weser und Wümme ist die Bremer Landwirtschaft vom Grünland geprägt, Ackerbau spielt nur eine untergeordnete Rolle.

Im Grunde sind alle Betriebsformen vertreten: vom kleinen Hobby- und Nebenerwerbsbetrieb bis hin zu intensiv wirtschaftenden Milchviehbetrieben mit bis zu 300 Tieren. Der Biotanteil liegt derzeit bei knapp 25% – damit ist Bremen mal nicht an letzter Position im bundesdeutschen Vergleich.

Auch in Bremen gab es über viele Jahre grundlegende Konflikte zwischen Naturschutz und Landwirtschaft. So wurde die Meldung des Bremer Blocklandes als Vogelschutz- und FFH1-Gebiet Anfang der 2000er-Jahre von einigen Landwirten bis hin zum Europäischen Gerichtshof beklagt, einige Ausweisungen von Naturschutzgebieten führten zu großen Protesten.

Um diese Konflikte auszuräumen bzw. konstruktiv zu lösen hat sich Bremen auf den Weg hin zu einem kooperativen Naturschutz gemacht.

Typische Grabenvegetation mit Krebsschere (Foto: Adam Nowara)

Bei der hoheitlichen Sicherung der großen Natura 2000-Grünlandgebiete kombiniert die Naturschutzbehörde daher seit dem Jahr 2000 den Grundschutz in Form von LSG2-Verordnungen mit freiwilligen Agrarumwelt- und Artenschutzmaßnahmen. Diese Strategie wird durch eine intensive Betreuung der Schutzgebiete begleitet und gesteuert, mit der Bremen bereits seit Anfang der 1990er Jahre gute Erfahrungen in einigen Naturschutzgebieten gemacht hatte.

Seitdem versucht der Naturschutz in Bremen zunehmend neben den Naturschutzzielen auch die betrieblichen Anforderungen zu berücksichtigen und die Umsetzung der Naturschutzziele möglichst auf eine kooperative Basis zu stellen. Das geschieht vor dem Hintergrund, neben der Erreichung der Naturschutzziele auch eine wirtschaftliche Nutzung und Verwertung des Grünlandes zu ermöglichen, wo es rechtlich möglich ist, z.B durch einen möglichst flexiblen Umgang mit Auflagen (zum Beispiel hinsichtlich Mahdtermin oder Düngung).

Im größten und für die Landwirtschaft bedeutendsten Bremer Grünlandgebiet, dem 3000 ha großen Blockland, erwies sich dabei ein vom Bremer BUND initiiertes Projekt zum freiwilligen Wiesenvogelschutz als „Türöffner“ und Wegbereiter für die Kooperation. Seit 2004 wurden dort Ansätze zum Wiesenvogelschutz auf intensiv genutzten Grünlandflächen erprobt und weiterentwickelt, die sowohl bei den Landwirten auf großes Interesse stießen, als auch früh erste Erfolge zeigten.

Herzstück der Kooperation: das Gebietsmanagement

In der Folge entwickelte sich dieses Projekt zum Kern eines umfassenden Gebietsmanagements (GMM) für alle großen Grünlandschutzgebiete, das durch die landwirtschaftlichen Institutionen und die einzelnen LandwirtInnen unterstützt wird. Das Ziel: Naturschutzmaßnahmen kooperativ entwickeln und umsetzen.

Für die fachliche Gesamtsteuerung ist die Naturschutzbehörde zuständig, die Steuerung der operativen Umsetzung liegt bei der Hanseatischen Naturentwicklung (haneg), mit der Betreuung vor Ort wurde die BUND-Umweltdienstleistungsgesellschaft beauftragt. Für die Schutzgebiete im Bereich der Wümmeniederung besteht eine Betreuungsvereinbarung mit der Stiftung NordWestNatur.

Um einen engen Kontakt zwischen allen Seiten herzustellen spielen GebietsbetreuerInnen eine zentrale Rolle. Sie sind im Gelände präsent und ansprechbar, kommen auf die Höfe und sind auch mal am Sonntag erreichbar. So kümmern sie sich z.B. um Abstimmungen mit der Naturschutzbehörde zur flexiblen Umsetzung der landwirtschaftlichen Nutzung. Vor allem die personelle Kontinuität ist hier für die Entwicklung von Vertrauen essentiell.

Grabenvegetation in Blüte (Foto: Adam Nowara)

Seit 2016 wird das Gebietsmanagement im Rahmen eines ELER-Projektes weiterentwickelt und institutionalisiert. Für die gebietsübergreifende Zusammenarbeit und Weiterentwicklung wurde ein Projektbeirat gegründet, in dem Vertreter der Landwirtschaft, Naturschutzverbände, haneg und Naturschutzbehörde zusammenarbeiten.

Ein Beispiel für die Kooperation ist der Pflege- und Managementplan (PMP) für das Natura2000-Gebiet „Bremer Blockland“. Zu Beginn der Planung wurde im Rahmen einer Landwirte-Runde ein Arbeitskreis gegründet, der den gesamten Prozess intensiv begleitet hat. Dabei wurden auch die Grundlagen und Entwicklungsperspektiven der landwirtschaftlichen Nutzung analysiert. Der PMP stellt die erforderlichen Maßnahmen modular dar, um eine Umsetzung auf freiwilliger Basis zu ermöglichen.

Das kooperative Gebietsmanagement fungiert dabei als Klammer für die verschiedenen Teilprojekte, von denen hier zwei etwas näher vorgestellt werden sollen.

Biotoppflege und das ökologische Grabenräumprogramm

Um die naturschutzfachlichen Ziele zu erreichen, ist es häufig notwendig Biotoppflegearbeiten durchzuführen. Diese werden in Bremen jährlich auf Grundlage der Pflege- und Managementpläne festgelegt. Ein Grundsatz der Planung: die BewirtschafterInnen und auch z.B. die JägerInnen werden bei der Planung und Umsetzung mit einbezogen. Zu den regelmäßigen Pflegearbeiten gehört dabei die Gehölzentfernung in den weiten Offenlandbereichen oder die Wiederherstellung verlandeter Kleingewässer (z.B. Bombentrichter).

Eine ganz besondere Rolle spielen dabei auch die wertvollen und überregional bedeutenden Grabenlebensräume und das sog. ökologische Grabenräumprogramm:

Das ökologische Grabenräumprogramm ist fester Bestandteil des praktischen Naturschutzes in Bremen und zeigt, wie gut Naturschutz, Landwirtschaft und Wasserwirtschaft zusammenarbeiten können. Bereits seit Ende der 1980er Jahre entwickelt, wird es heute in allen bremischen Grünlandgebieten erfolgreich umgesetzt.

Die folgenden Leitlinien der naturverträglichen Grabenräumung sind dabei die Basis:

  • Das Grabensystem wird als Teil der historischen Kulturlandschaft erhalten.
  • Die Ansprüche der Landwirtschaft, der Wasserwirtschaft und des Naturschutzes werden gleichermaßen berücksichtigt.
  • Die europäischen und nationalen Anforderungen an den gesetzlichen Artenschutz sind integriert.
  • Es wird ein vielfältiges Mosaik verschiedener Graben-Verlandungsstadien geschaffen, das die Lebensbedingungen für seltene Tier- und Pflanzenarten sichert und die Artenvielfalt erhält.

In der Praxis bedeutet das, dass die BewirtschafterInnen mit der Stadt Bremen eine mehrjährige Grabenräumvereinbarung abschließen, sie müssen sich also um die Räumung der Gräben nicht mehr kümmern. Allerdings müssen sie im Gegenzug akzeptieren, dass die Räumung hauptsächlich nach ökologischen Kriterien erfolgt. Grundsätzlich wird aber dafür gesorgt, dass die Gräben ihre Aufgaben der Be- und Entwässerung und als Tränkewasser vollführen und auch die viehkehrende Funktion3 erhalten bleibt.

Grabenrämung mit faunistischer Begleitung (Foto: Karin Hobrecht)

Ziel des ökologischen Grabenräumprogramms ist es, in dem hunderte Kilometer langen Grabennetz ein vielfältiges Mosaik der verschiedenen Grabenbiotope zu haben. Von frisch geräumten Gräben bis nahezu verlandeten Gräben (dort wo es wasserwirtschaftlich und landwirtschaftlich möglich ist) sind die unterschiedlichen Verlandungszustände und damit die unterschiedlichen Lebensraumfunktionen vorhanden. Die Räumfrequenz liegt dabei normalerweise bei 3-5 Jahren. Bei der Umsetzung wird schonend vorgegangen: wertvolle Pflanzenbestände werden ausgespart oder umgesetzt (zum Beispiel mit dem Krebsscherenpflücker), zudem findet in vielen Bereichen auch eine faunistische Begleitung statt, um Muscheln und Grabenfische wie den Schlammpeitzger zu erfassen und wieder zurück in den Graben zu setzen.

Mit dem Programm ist es in den vergangenen 30 Jahren gelungen, die wertvollen Grabenlebensräume für Schlammpeitzger, Krebsschere & Co zu erhalten – und das ohne die verschiedenen Belange der Akteure aus den Augen zu verlieren: ein Beispiel für kooperativen Naturschutz.

Flachuferblänke mit angelockten Kiebitzfamilien (Foto: Arno Schoppenhorst)

Der kooperative Gelege- und Kükenschutz

Während Schlammpeitzger & Co sich nicht unbedingt als Wappentier eignen, sieht es bei den Wiesenvögeln schon ganz anders aus: Kiebitz oder Uferschnepfe, Rotschenkel oder Bekassine, alles Sympathieträger. Nur leider sind ihre Bestände fast überall auf dem absteigenden Ast. Die Zahlen gehen zurück und sind weit entfernt von ihren einstmals dagewesenen Höchstbeständen.

Auch in Bremen gab und gibt es akuten Handlungsbedarf. Ein Baustein aus dem Naturschutzwerkzeugkasten ist dabei der Gelege- und Kükenschutz. Bereits seit 2004 wird dieses Instrument in Bremen angewandt und weiterentwickelt und ist ein wichtiger Baustein im Schutzgebietsmanagement. Umgesetzt wird das Projekt vom BUND Bremen – gemeinsam mit den Landwirtinnen und Landwirten.

In vielen anderen Projekten bzw. Wiesenvogelgebieten stand und steht der großflächige Ankauf von Grünland und die anschließende Extensivierung und (Wieder-)Vernässung im Fokus. In Bremen war das nie eine Option, schon allein aus finanziellen Gründen. Der Gelege- und Kükenschutz findet daher zu großem Teil auf Privatflächen der LandwirtInnen statt, die zumeist intensiv genutzt werden (vor allem Silagewiesen, tw. Intensivweiden).

Im Grunde ist das System einfach: Zur Brutzeit werden die Nester gesucht und markiert. Die Neststandorte werden dann bei der Mahd ausgelassen. Auf Weideflächen kommen die eigens entwickelten Weideschutzkörbe zum Einsatz.

Weideschutzkorb (Foto: Arno Schoppenhorst)

Nach dem Schlupf wird es dann etwas komplizierter: dann gilt es für den Schutz der Küken zu sorgen. Drei Dinge sind dabei zentral:

  1. Auf den Kükenwiesen langsam und auf Sicht mähen, am besten mit Begleitung aus dem Projektteam
  2. Von innen nach außen mähen
  3. Hier und da ein paar Fluchtstreifen oder andere Bereiche stehen lassen

Damit der Wiesenvogelschutz richtig erfolgreich wird, gibt es aber auch noch einiges mehr zu tun. Zum Beispiel braucht es in überwiegend intensiv genutzten Bereichen einen Grundstock an extensiv genutzten Flächen, die erst später gemäht werden, z.B. Flächen mit Agrarumweltmaßnahmen oder Kompensationsflächen. Idealerweise sind auch Flächen mit Senken und feuchten Bereichen mit dabei, die bei Bedarf auch künstlich bewässert werden können. Natürlich helfen auch Kleingewässer gut oder einzelne Polder. Letztere haben oft eine große Wirkung, weit über die direkten Nachbarflächen hinaus.

Der Wiesenvogelschutz hat aber auch noch mehr Aufgaben: die Landschaft sollte soweit wie möglich gehölzfrei und offen sein. Also heißt es im Winter bzw. Frühjahr: Gehölze entfernen, Schilfbestände mähen, ggf. Kleingewässer wiederherstellen oder Flachuferblänken4 anlegen.

Anlage einer Flachuferblänke (Foto: Arno Schoppenhorst)

Über die Jahre hinweg hat sich das Gelege- und Kükenschutzprojekt in Bremen etabliert. Zunächst noch von dem ein oder anderem Landwirt mit Skepsis betrachtet, sind in den Projektgebieten heute alle Betriebe mit dabei. Die einen machen viel, die anderen weniger – je nachdem, wie es in den Betrieb passt. Denn eins ist klar: Die Teilnahme ist freiwillig. Jeder Neststandort oder Fluchtstreifen wird ausgehandelt und am Ende der Saison entlohnt.

Die LandwirtInnen werden dadurch zu Partnern beim Wiesenvogelschutz, denn ohne genutztes Grünland gibt es auch keine Wiesenvögel.

Naturschutz und Landwirtschaft finden zusammen

Voraussetzung für eine funktionierende Kooperation: Kommunikation und die Bereitschaft, die Interessen und Ziele des Gegenübers zu akzeptieren, um auf dieser Basis Kompromisse zu finden und gemeinsame Interessen zu identifizieren. Dieser Weg ist für beide Seiten mitunter „schmerzhaft“, weil dem Kompromiss meist ein subjektiver Verzicht vorausgeht. Aber die Erfahrungen zeigen, dass selbst bei vermeintlich konträren Interessen durch Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten Erfolge für den Naturschutz erzielt werden können ohne dabei die Belange der Landwirtschaft aus den Augen zu verlieren.

Fazit

Vertrauensbildung braucht Zeit, Kontinuität und Verlässlichkeit sind unabdingbar – für erfolgreiche Kooperation müssen deshalb die finanziellen Mittel dauerhaft gesichert werden, sowohl für Maßnahmen als auch für eine engagierte Gebietsbetreuung.

Einen visuellen Einblick gibt es auch in diesem Video: https://www.youtube.com/watch?v=zZKQdnXD7o0&list=PLChlVD_v4_lvDMv-ydx2RIZlfqeu4OfT-

Marten Urban
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Einzelnachweise

  1. https://www.bauumwelt.bremen.de/umwelt/natur/schutzgebiete-und-biotopschutz-in-bremen-23878
  2. Landschaftsschutzgebiet
  3. Gräben statt Zäune; die Zäune sorgen dafür, dass die Rindviecher nicht zum Nachbarn laufen
  4. Hierbei handelt es sich um mehrere hundert Meter lange, 6 Meter breite und max 30 cm tiefen Grüppen (kleine Entwässerungsrinnen), mit sehr flachen Ufern. Zur Vogelbrutzeit dienen sie dem Wasserrückhalt und damit als Nahrungsraum für die Wiesenlimikolen (Wiesenvögel). Nach Abschluss der Vogelbrutzeit werden die Uferbereiche wie der Rest des Schlages bewirtschaftet, um das Aufkommen von Schilf oder Seggen zu verhindern.

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