Faktencheck: Fördert Grüne Gentechnik Monokulturen?

Die gentechnische Veränderung von landwirtschaftlichen Nutzpflanzen, kurz Grüne Gentechnik, wird von der deutschen Bevölkerung mehrheitlich kritisch gesehen. Viele Menschen lehnen es ab oder haben sogar Angst davor, gentechnisch veränderte Lebensmittel anzubauen oder zu essen und viele Interessengemeinschaften, Parteien und Organisationen setzen sich gegen Grüne Gentechnik in Deutschland ein. Aber ist diese Technologie wirklich so schlimm wie ihr Ruf? In der dritten Staffel GASBmeetsPAW wollen wir in drei Episoden gemeinsam mit Expert*innen und Zuschauer*innen über die häufigsten Kritikpunkte sprechen und diskutieren: 1. Pflanzenschutz und Pestizide, 2. Artenvielfalt und 3. Patente.

Passend zur ersten Episode am 24. März 2022 (Anmeldung hier!) habe ich mich in diesem Beitrag herangewagt, eine der gängigsten Aussagen von Kritiker*innen Grüner Gentechnik zum Thema Pflanzenschutz und Pestizide auf den Prüfstand zu stellen und entsprechende Hintergrundfakten zusammenzutragen.

 

„Mehr Grüne Gentechnik führt zu mehr Monokulturen!“

Um diese Aussage einschätzen zu können, muss man erst einmal verstehen, was Monokulturen überhaupt sind. Eine Monokultur ist durch zwei Merkmale gekennzeichnet [1]:

  1. Auf einer gegebenen Fläche wird ausschließlich eine einzige Nutzpflanzenart angebaut, wie z.B. auf einem Weizenfeld. Dies allein macht aber noch keine Monokultur, sondern wird in der landwirtschaftlichen Fachsprache “Reinkultur” genannt. Das ist schon einmal eines der häufigsten Missverständnisse in der öffentlichen Debatte zu diesem Thema. Der Reinkultur gegenüber stehen Mischkulturen, z.B. der Anbau von Karotten und Zwiebeln in abwechselnden Reihen auf einem Feld. Der klare Vorteil von Reinkulturen gegenüber Mischkulturen ist die einfachere Handhabung bei Aussaat, Bestandsführung, Ernte und Vermarktung der Erzeugnisse. Wachsen auf einem Feld nur Karotten, braucht der Landwirt oder die Landwirtin nur die Bedürfnisse dieser Feldfrucht bei Saat, Düngung, Pflanzenschutz und Erntezeitpunkt zu beachten, benötigt nur das darauf ausgelegte Equipment und kann sich auf die Verarbeitung und Vermarktung eines einzelnen Produkts spezialisieren. Der Nachteil ist jedoch, dass auf eine höhere Biodiversität auf dem Feld und damit auf potenziell vorteilhafte Interaktionen zwischen mehr verschiedenen Spezies verzichtet werden muss. Außerdem sind Reinkulturen anfällig für Ernteausfälle durch spezialisierte Schädlinge und äußere Einflüsse wie Trockenheit, da sich jede Pflanze auf dem Feld sehr ähnelt und die gleichen Bedürfnisse hat.
  2. Eine einzige Nutzpflanzenart wird über mehrere Jahre hinweg immer wieder auf derselben Fläche angebaut. Eine Reinkultur, auf die das zutrifft, ist eine Monokultur. Bei mehr als fünf Jahren spricht man dann von einer Dauerkultur, etwa eine Apfelplantage. Die Alternative hierzu ist, Pflanzen in sogenannten “Fruchtfolgen” anzubauen, also verschiedene Arten aufeinanderfolgend auf einem Feld zu kultivieren. Letzteres verlangt dem Landwirt oder der Landwirtin zwar ab, Equipment, Expertise und Vermarktungskanäle für mehr als eine Feldfrucht zu haben, hat jedoch einen entscheidenden Vorteil: Unterschiedliche Pflanzenspezies entziehen dem Boden unterschiedliche Nährstoffe und sind Wirt für unterschiedliche Pflanzenschädlinge und -krankheiten. Die Fruchtfolge leistet somit einen wichtigen Beitrag, Dünger effizient zu nutzen, einem einseitigen Auslaugen des Bodens vorzubeugen sowie eine Vermehrung spezifischer Schaderreger zu verhindern.

Welche Rolle spielt jetzt die Grüne Gentechnik in dem Ganzen? Die Behauptung „Mehr Grüne Gentechnik führt zu mehr Monokulturen!“ taucht häufig in Diskussionen über Gentechnik auf und sagt auf Basis der Definition oben nun aus, dass die Nutzung Grüner Gentechnik zu weniger Anbau in Mischkulturen und/oder Fruchtfolgen führt. Aber ist das wirklich der Fall?

Zunächst einmal wichtig zur Einordnung: Mischkulturen (also das Gegenteil von Reinkulturen) machen nur einen minimalen Prozentsatz der aktuellen Landwirtschaft aus, da der Anbau von verschiedenen Pflanzen auf einem Feld zahlreiche Herausforderungen mit sich bringt (s.o.). Dies gilt aber sowohl für gentechnisch veränderte, als auch für mit anderen Methoden gezüchtete Pflanzen. Theoretisch könnten ja auch gentechnisch veränderte Organismen (GVOs) wie GVO-Karotten und GVO-Zwiebeln in abwechselnden Reihen auf einem Feld angepflanzt werden und die Hege und Ernten wären nicht (noch) komplizierter als bei herkömmlichen Karotten und Zwiebeln in Mischkultur. Trotz aller Vorteile der Mischkultur ist es eben einfach anspruchsvoll, zwei verschiedene Pflanzensorten am selben Ort zu säen, zu düngen, zu schützen und zu ernten und dabei ökonomisch zu arbeiten [2]. In Deutschland werden z.B. keinerlei gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut und trotzdem sieht man in der Regel nur Pflanzen einer Art auf einem Feld.

Setzt man beide oben genannten Kriterien zur Definition einer Monokultur an, so sind hauptsächlich Plantagen mit mehrjährigen Pflanzen wie Kaffee oder Bananen als „echte“ Monokulturen zu bezeichnen. Denn Fruchtfolgen sind im Gegensatz zu Mischkulturen die gängige Praxis in der modernen Landwirtschaft [3][4], sowohl im konventionellen, als auch im ökologischen Bereich [5]. Um den Einfluss vom Anbau von GVOs auf den Anbau in Fruchtfolgen zu untersuchen, eignen sich Daten aus den USA besonders gut, denn dort ist der Anteil an GVO-Mais, GVO-Soja und GVO-Baumwolle zwischen 2000 und 2013 stark gestiegen [6] (siehe Abbildung 1). Während gentechnisch verändertes Soja im Jahr 2000 nur etwa die Hälfte des Gesamtsojaanbaus in den USA ausmachte, sind es seit 2007 über 90%.

Abbildung 1: Anteil an GVO-Mais, GVO-Soja oder GVO-Baumwolle an der Gesamtanbaumenge pro Jahr in den USA von 2000-2013 [6].

Interessanterweise ist der Anteil an dauerhaftem Anbau von Soja in „echten” Monokulturen gegenüber dem Anbau in Fruchtfolge im vergleichbaren Zeitraum (1997-2006) nicht gestiegen, sondern eher leicht zurückgegangen [4] (siehe Abbildung 2). Noch extremer war der Anstieg von GVO-Mais von etwa 25% im Jahr 2000 zu etwa 90% im Jahr 2011 [6] (siehe Abbildung 1). Auch diese enorme Zunahme sorgte nicht für weniger Maisanbau mit Fruchtfolge, die Zahlen für 1996 und 2010 sind nahezu identisch [4] (siehe Abbildung 2).


Abbildung 2: Anteil an dauerhaftem Anbau (Continuous) oder Anbau in Fruchtfolge (Rotation) von Soja (Soybeans), Weizen (Wheat) oder Mais (Corn) pro Jahr in den USA [4].

Doch Fruchtfolge ist nicht gleich Fruchtfolge, denn es macht einen Unterschied, zwischen wie vielen verschiedenen Pflanzenarten gewechselt wird und wie komplex die Fruchtfolge gestaltet wird. Gerade beim Anbau in den USA wird kritisiert, dass die Vielfalt der angebauten Feldfrüchte immer weiter abnimmt und einzelne Regionen nur eine sehr begrenzte Anzahl verschiedener Pflanzen anbauen. Ein Beispiel ist der Corn Belt im Mittleren Westen, in dem heute hauptsächlich Mais und Soja im Wechsel angebaut werden. Unabhängig davon, inwieweit diese Entwicklung hin zu einer sehr limitierten Fruchtfolge schädlich ist, ist sie nicht durch die Einführung von GVOs bedingt, sondern startete bereits viel früher [7] (siehe Abbildung 3): Seit den 1930er-Jahren steigt in Iowa, Indiana und Illinois der Anteil an Soja (Soy) und verdrängt andere Feldfrüchte wie Hafer (Oats), Weizen (Wheat), Gerste (Barley) und Roggen (Rye), während der Anteil an angebautem Mais (Corn) von 1929 bis 2013 relativ konstant die Hälfte der Gesamtanbaufläche ausmacht. Schon seit den 1960er-Jahren machen Soja und Mais zusammen über 80% der Anbaufläche aus, lange bevor GVOs überhaupt entwickelt wurden. Tatsächlich scheint deren Verbreitung seit Beginn des neuen Jahrtausends in den USA keinen nennenswerten Einfluss auf die Verteilung der Ackerfläche nach Feldfrucht zu haben.

Abbildung 3: Entwicklung der pro Feldfrucht genutzten Ackerfläche in drei verschiedenen US-Bundesstaaten des Corn Belts von 1929-2013 [7].

 

Fazit

Am Beispiel der USA konnte gezeigt werden, dass die Einführung von GVOs nicht zu einer Zunahme von Monokulturen gegenüber dem Anbau in  Fruchtfolge geführt hat. Zwar nimmt die Komplexität der Fruchtfolgen ab (z.B. nur Mais und Soja im Wechsel), dieser Trend startete aber schon vor fast einem Jahrhundert im Corn Belt und wurde durch die Einführung von GVOs nicht weiter befeuert.

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass der Anbau in Mono- statt in Mischkulturen, sowie in weniger komplexen Fruchtfolgen nicht durch die Nutzung von Grüner Gentechnik verursacht wird, sondern von der Art und Weise wie moderne Landwirtschaft praktiziert wird. Wenn überhaupt könnte man kritisieren, dass insbesondere mit herbizidtoleranten gv-Mais und -Sojasorten gezielt solche GVOs auf den Markt gebracht wurden, die genau zu dem in Nordamerika davor bereits vorhandenen Anbausystemen mit kurzen Fruchtfolgen passten.

Der Anbau in Mischkulturen ist mit konventionellen Pflanzen aber genauso anspruchsvoll wie mit gentechnisch veränderten Sorten und auch GVOs lassen sich in komplexen Fruchtfolgen anbauen. Die Debatte über Monokulturen sollte sich also weniger darum drehen, wie Sorten gezüchtet wurden, sondern darum, in welchen Kombinationen Pflanzenspezies auf einem Feld angebaut werden sollten, um die Vorteile von Mischkulturen zu nutzen. Pflanzenzüchtung kann dabei einen Beitrag leisten, etwa indem Erntezeitpunkte von verschiedenen Kulturen synchronisiert werden. Bei der Auswahl geeigneter Sorten könnten GVOs dann sogar Teil der Lösung sein!

 

Referenzen

[1] https://www.pflanzenforschung.de/de/pflanzenwissen/lexikon-a-z/monokultur-786

[2] Quarks (2020). So nachhaltig sind Mischkulturen.

[3] Steinmann, H. (Georg-August-Universität Göttingen), Stein, S. (ZALF Müncheberg) (2018). Fruchtfolgen – Alles im grünen Bereich?

[4] Wallander, Steven (Economic Research Service, U.S. Department of Agriculture) (2013). While Crop Rotations Are Common, Cover Crops Remain Rare.

[5] Barbieri, P., Pellerin, S., & Nesme, T. (2017). Comparing crop rotations between organic and conventional farming. Scientific Reports, 7(1), 1–10.

[6] Fernandez-Cornejo, J., Wechsler, S., Livingston, M., & Mitchell, L. (Economic Research Service, U.S. Department of Agriculture) (2014). Genetically Engineered Crops in the United States.

[7] https://gmoanswers.com/monoculture-do-gmo-crops-reduce-biodiversity

Margareta Hellmann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.