Die Geister der Vergangenheit

Dies ist der erste Teil der dreiteiligen Reihe Progressive Perspektiven für die Agrarwende, in der ich die Probleme des Agrarwende-Narrativs untersuche und Lösungsansätze vorschlage. Die anderen Teile werden nach und nach hier veröffentlicht.

Die anti-emanzipatorischen, wissenschafts- und technikfeindlichen Ursprünge der Agrarwende

Die Agrarwende ist ein mächtiger Gegenentwurf zur industriellen Landwirtschaft geworden. Während Teile der Landwirtschaft sich bereitwillig dem deregulierten Weltmarkt unterwerfen, um wettbewerbsfähig zu bleiben, leistet sie Widerstand. Gegen einseitige Abhängigkeiten von riesigen Agrarchemie-Konzernen, gegen unermessliches Tierleid und gegen die Zerstörung der gemeinsamen Lebensgrundlagen aller Menschen.

Unter anderem angesichts der milliardenschweren EU-Subventionen aus Steuergeldern ist es das gute Recht der allgemeinen Öffentlichkeit bei diesen Fragen entscheidend mitzureden.

Doch die Agrarwende vermischt notwendige Kritik an wirtschaftlichen Verhältnissen, die den Menschen heute oder in Zukunft Schaden zufügen, mit einem Weltbild, das nicht den Menschen, sondern das „Natürliche“ in den Mittelpunkt stellt. Die daraus entstehende Technikfeindlichkeit schadet häufig wohl selbst den Menschen. Oft wird sogar der „Kampf“1 gegen eine Technologie stärker gewichtet als der Einsatz für soziale Gerechtigkeit und gesicherte Lebensbedingungen für alle.

Wie konnte es dazu kommen?

Geschichte als mögliche Ursache

Einige Hinweise lassen sich in der Geschichte der Ideen finden, die das Agrarwende-Narrativ prägen.

Die Agrarwende ist heute fest in das sozial-grüne Spektrum eingebunden. Sie wird unter anderem von sozialdemokratischen, linken und grünen Organisationen und Parteien angestrebt.2

Diese vertreten in der Regel universell menschenfreundliche Werte. Das beobachten wir zum Beispiel bei Fragen der sozialen Gerechtigkeit, in der Flüchtlingspolitik, im Feminismus oder im Engagement gegen den Faschismus und für die Demokratie. Das in diesem Umfeld beliebte Konzept der Nachhaltigkeit bezieht auch zukünftige Generationen in das Streben nach gleichwertigen menschenwürdigen Lebensbedingungen ein.

Abgesehen von einem Bekenntnis zu den Menschenrechten kommt soziale Politik in der Regel ohne spezielle religiöse oder weltanschauliche Voraussetzungen aus.

Auch bei der Abwendung der Klimakatastrophe geht es kaum um einen metaphysischen Selbstwert der Polkappen, als vielmehr um die schrecklichen Folgen, die ihr Abschmelzen und andere Klimaeffekte auf Menschen haben werden.

Als vielversprechendes Mittel auf dem Weg zu mehr Klimagerechtigkeit gilt mit Windkraft eine hochtechnische Lösung, die eine ganze Reihe ökologischer Probleme mit sich bringt. Doch ihr positiver Effekt für nachhaltige und menschenwürdige Lebensbedingungen liegt auf der Hand und so ist ihre Notwendigkeit zur Ablösung fossiler Energieträger praktisch Konsens.

Interessanterweise bildet die Agrarpolitik insbesondere in der grünen oder ökologischen Bewegung eine Ausnahme.

Hier hat sie sich die ökologische Landwirtschaft zu Eigen gemacht. Während grüne Politik unter anderem auf Umwelt-, Friedens-, Menschenrechts-, Dritte-Welt- und Frauenbewegungen zurückgeht, hat die mindestens 50 Jahre ältere ökologische Landwirtschaft ihre Wurzeln in den Lebensreform-Bewegungen und der biologisch-dynamischen Landwirtschaft.

Anti-emanzipatorische und menschenfeindliche Tendenzen

Weltanschaulich basierten die reaktionären Lebensreform-Bewegungen auf einer spirituellen Erhöhung der „Natur“ und des „Natürlichen“.

Dahinter wird das Wohl und sogar das Leben von Menschen zurückgestellt. Die Naturheilkunde-Bewegung erklärte zum Beispiel  „Masern, Pocken, Scharlach für von der Natur für ein bestimmtes Lebensalter eingesetzte Reinigungsprozesse”3.

Die biologisch-dynamische Landwirtschaft ist als Teil der Anthroposophie stark esoterisch geprägt und wurde von ihrem Begründer Rudolf Steiner hellseherisch legitimiert. Die Harmonie „geistiger“ und „kosmischer“ Wechselwirkungen steht im Vordergrund und auch hier nicht das Wohl des Menschen.

Diese Überhöhung des „Natürlichen“ oder der „kosmischen Harmonie“ bekämpft  alles, was den Menschen von dem Rest der Natur unterscheidet, insbesondere Gesellschaft und Kultur. In der Natur geht es um Überleben und Fortpflanzung, gesellschaftliche Errungenschaften wie universelle Menschenrechte, oder auch Konzepte wie „Würde“ oder „Gerechtigkeit“ sind hochgradig unnatürlich.

Aber auch Ethik und politische Moral passen nicht in eine reaktionäre Utopie, die zurück zu den „natürlichen Wurzeln“ strebt.4 Deshalb lassen sich Weltbilder wie diese leicht für die Legitimierung autokratischer Herrschaft instrumentalisieren.5

Diese Relativierung der Menschenwürde muss nicht zwangsläufig in Menschenfeindlichkeit enden, aber die Geschichte hat gezeigt, dass es durchaus möglich ist.6

Wissenschafts- und Technikfeindlichkeit

Die Lebensreform-Bewegungen entstanden als Reaktion auf Industrialisierung und technischen Fortschritt. Dass sie wissenschaftlichen und technischen Methoden grundlegend misstrauisch gegenüber standen verwundert da wenig. Je moderner eine Technik ist, desto weiter entfernt ist sie vom „natürlichen“ Ideal und desto schärfer wird sie verurteilt.

Rudolf Steiner stellt seine Anthroposophie zwar als „Geisteswissenschaft“ oder „Geheimwissenschaft“ dar, verleugnet aber gleichzeitig die Grundlage jeder nicht-esoterischen Wissenschaft, indem er Wahrheit als schöpferisches Erzeugnis des Individuums ansieht. Naturwissenschaften werden in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft mitsamt ihrer materialistischen Grundlage abgelehnt.

Ökologische Landwirtschaft heute

Auch wenn diese Ideologien und Weltanschauungen bald einhundert Jahre alt sind, ist ihr Einfluss auf die heutige ökologische Landwirtschaft und grüne Landwirtschaftspolitik stärker, als es zunächst den Anschein hat.

Abgesehen von völkisch-esoterischen „Öko-Nazis“7 vertreten inzwischen viele Unterstützer*innen der ökologischen Landwirtschaft scheinbar die Werte und Ideale der grünen Bewegung.

Viele Organisationen distanzieren sich aktiv von den biologisch-dynamischen Ursprüngen. So betont der Anbauverband „Naturland“ zu Beginn seines Leitbildes „die ideologiefreie Weltanschauung“ und die „Orientierung an wissenschaftlichen Erkenntnissen“8. Der Anbauverband „Bioland“ setzt sich explizit zum Ziel, „Menschen eine lebenswerte Zukunft sichern“9.

Allzu moderne Techniken werden in der Regel aber auch in diesen Verbänden abgelehnt. Wie sehr versteckte ökozentrische Ideen auch hier noch im Hintergrund eine Rolle spielen, vermag ich nicht zu beurteilen.

Der Anbauverband „Demeter“ hingegen praktiziert seit Steiners Zeiten biologisch-dynamische Landwirtschaft. Es geht auch heute noch um die „gestaltende[n] Kräfte des Kosmos“10. Für die Zertifizierung sind homöopathie-ähnliche „Präparate“ wie zum Beispiel „ P 505: Eichenrinde in Schädel“ oder „P 502: Blüten in Hirschblase“11 Pflicht. Außerdem wird bei Demeter Ackerbau nur in Verbindung mit Tierhaltung zugelassen.

In der grünen Politik gilt Demeter-Landwirtschaft keineswegs als verquerer Außenseiter, sondern wegen seiner hohen Standards geradezu als Musterbeispiel ökologischer Landwirtschaft. Außerdem ist der Anbauverband gut mit z. B. der grünen Partei vernetzt.

Damals wie heute ist eine Abwendung vom Materiellen immer auch eine Entpolitisierung und Resignation im Streben nach materieller Gerechtigkeit. Wer Besitz zugunsten von kosmischer Harmonie für unbedeutend erklärt, lässt materielle Unterdrückung widerstandslos zu. Für den Kapitalismus ist die Esoterik ein Geschenk.

Aber auch dort, wo Naturwissenschaften zwar anerkannt werden, aber der Eigenwert der Natur um die Würde des Menschen konkurriert, sind die eigentlichen Werte der ökosozialen Bewegung in Gefahr.12

Die beschriebenen ideengeschichtlichen Ursprünge des heutigen Agrarwende-Narrativs könnten eine mögliche Erklärung für die, innerhalb des entsprechenden politischen Spektrums untypischen, anti-emanzipatorischen Tendenzen sein.

Johannes Kopton

Johannes ist Mitgründer von progressiveAgrarwende, studiert Kybernetik, ist Mitglied in der Grünen Jugend und bei Bündnis90/DieGrünen Sachsen-Anhalt. Bei Plantix arbeitet er daran, die Ausbreitung von Pflanzenkrankheiten zu modellieren. Außerdem forscht er am Max-Planck-Institut Magdeburg an Prozessen, die Erdöl und Feldfrüchte durch Algen ersetzen sollen.
Johannes Kopton

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Einzelnachweise

  1. vgl. z. B. „Kampf gegen Gentechnik“
    https://www.greenpeace.de/themen/landwirtschaft-gentechnik/gentechnik-futtermitteln/erfolg-im-kampf-gegen-gentechnik
  2. Verwendung des Begriffs durch deutsche Parteien z. B.
    https://www.spd-europa.de/pressemitteilungen/wir-brauchen-eine-agrarwende-3585
    https://www.gruene-bundestag.de/agrar.html
    https://www.linksfraktion.de/parlament/namentliche-abstimmungen/detail/amira-mohamed-ali-nur-soziale-agrarwende-macht-landwirtschaft-zukunftsfest/
  3. Meyers Konversationslexikon: Artikel Naturheilkunde.
  4. vgl.: Ditfurth, Jutta (1996): Entspannt in die Barbarei. Esoterik, (Öko-)Faschismus und Biozentrismus, 4. Aufl., Hamburg: Konkret Literatur Verlag, Seite 14 f.
  5. Teile der Lebensreformbewegung gelten beispielsweise als Vorreiter des Nationalsozialismus.
  6. Im dritten Reich wurden zwar einige anthroposophie Organisationen verboten, die biologisch-dynamische Anbauweise aber von hochrangigen Nazis gefördert und unter anderem im KZ Dachau unter schrecklichsten Bedingungen praktiziert. Vgl.:
    https://www.sueddeutsche.de/muenchen/dachau/ns-ernaehrungspolitik-bio-gemuese-im-zeichen-des-hakenkreuzes-1.2419852
  7. vgl.: https://www.sueddeutsche.de/bayern/voelkische-szene-bayerns-harmlose-oeko-nazis-1.3629748
  8. https://www.naturland.de/de/naturland/wer-wir-sind/leitbild.html
  9. https://www.bioland.de/ueber-uns/sieben-prinzipien.html
  10. https://www.demeter.de/inhalte/biodynamische-landwirtschaft/hoforganismus
  11. https://www.demeter.de/biodynamische-praeparate#tab1
  12. vgl.: Ditfurth, Jutta (1996)

2 Kommentare

  1. Begrüssenswerte Diskussion! Gefällt mir
    Kritik: Mir ist der Text zu sehr wie ein Soziologie Oberseminar Referat formuliert. Wenn man einfacher schreibt, erreicht man vermutlich mehr Leser.
    Ein Kommentar zu einem Teil des Textes:
    “Die Agrarwende ist ein mächtiger Gegenentwurf zur industriellen Landwirtschaft geworden. …..Gegen einseitige Abhängigkeiten von riesigen Agrarchemie-Konzernen…..”
    Da ist die Kausalität aber umgedreht worden. Vor 30 Jahren gab es noch unzählige Agrar Chemie Konzerne, auch kleinere. Die Konsolidierung zu jetzt 5 oder 6 Firmen hat eingesetzt, als – auch auf Grund der Interventionen der “Agrarwende Initiatoren”- die Anforderungen an die Zulassung von Pflanzenschutzmittel so teuer wurden, dass sich das die Kleinen nicht mehr leisten konnten (über 10 Jahre 100-200 Mio€ investieren, ohne Garantie, dass es erfolgreich wird). Also eher so: die “Agrarwende” hat zu diesen Konzernen geführt. Das gleiche passiert ja auch mit den Regularien zu Gentechnik, CRISPR etc…die Deregulierung nach Gentechnikgesetz kann sich kein “Kleiner” mehr leisten. Und dann wird bemängelt. das nur “Große” da aktiv sind.

  2. Grundsätzlich begrüße ich die Diskussion, die auf diesen Seiten geführt wird. Allerdings bemerke ich, daß auch hier ein gewisser Hang zur undifferenzierten Betrachtung bis Schmähung vermeintlicher “Gegner” besteht. Ein Beispiel: die sogenannten “Lebensreformbewegungen” werden nach kurzer Einführung im Artikel unvermittelt als “reaktionär” bezeichnet, man könnte auch sagen, gebrandmarkt. Eine historische Betrachtung der verschiedenen Bewegungen zeigt aber, dass sie in ihrem jeweiligen historischen Kontext nicht reaktionär, sondern avantgardistisch waren. Das stellt keine Bewertung dar: was vor 100 Jahren Avantgarde war, kann heute antiquiert bis ärgerlich sein, vor allem, wenn die “Bewegung” starr und unbeweglich an den ursprünglich formulierten Zielen, Glaubenssätzen oder Problemlösungsstrategien festhält. (vgl. dazu r.k.Kirche im 2 ka Maßstab, Antroposophie 100 a)
    Eine wissenschaftlich basierte Diskussion um Landwirtschaft und Pflanzenzüchtung wird sicherlich auf eine Auseinandersetzung mit der Antroposophie / Demeterbund nicht herumkommen, ich empfehle aber, auf die “Nazikeule” zu verzichten. Es gibt genügend andere Spielfelder, auf denen man die 1-Mann Theorie bzw. Theosophie Steiners durch geschickte Kombinationen ausspielen, ins Leere laufen lassen kann oder im kosmischen Raum ins Abseits stellen. Also Ball flach halten! Oh, jetzt bin ich versehentlich in den FB Kommentar Modus gewechselt, bleiben wir ruhig dabei, ich empfehle Schienbeinschoner anzuschaffen, denn es wird heftige Fouls und Tritte aus der grünen Stammspielermannschaft geben. Die stehen sozusagen auf dem heiligen Rasen der “Gentechnik – Nein Danke!” Propaganda und werden jeden Versuch, einen neuen Spielzug zu etablieren, als bezahlte Lobbyarbeit shitstürmern. Glück auf!

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