FRANZ kann’s

Insektensterben, Gülle, Glyphosat. Nur drei Stichworte, die in den letzten Jahren die Diskussion um Landwirtschaft bestimmt und bis weit in die Gesellschaft getragen haben. Die Rollenverteilung ist dabei klar: Auf der einen Seite Landwirt*innen, öffentlich vertreten vom Bauernverband, die sich von immer mehr Regelungen gegängelt und in ihrer Arbeit nicht mehr wertgeschätzt fühlen. Auf der anderen Seite stehen die Umweltverbände, denen alles nicht schnell und weit genug geht. Dazwischen die Verbraucher*innen, die zwar schon irgendwie regionale, saisonale und umweltschonende Nahrungsmittel wollen, im Supermarkt aber doch mehrheitlich nach dem günstigsten Preis suchen. Bei politischen Entscheidungen führt all das vor allem zur Lähmung, die in Nichtstun oder faulen Kompromissen mündet. Ein gutes Beispiel ist das Greening. Damit werden Maßnahmen bezeichnet, die Landwirt*innen zusätzlich zu den schon bestehenden Umweltauflagen erbringen müssen, um die jährlichen Beihilfen von der EU zu bekommen.

Das wichtigste Instrument dabei sind die „ökologischen Vorrangflächen“, die jeder Betreib auf 5 % der bewirtschafteten Fläche einrichten muss. Es gibt einen Katalog, was auf diesen Flächen passieren darf. Es können beispielsweise Brachflächen an Weg- oder Waldrändern sein, Gehölzstreifen, der Anbau von Leguminosen wie Erbsen oder Ackerbohnen oder der Anbau von Zwischenfruchtmischungen. Die Landwirt*innen suchen sich natürlich die Maßnahmen aus, die am besten zu ihrem Betrieb passen. Wer ohnehin schon immer Zwischenfrüchte angebaut hat, tut das also weiterhin. Andere ließen etwa kleine Felder brachliegen oder legten Blühstreifen an. Die Umweltverbände waren schon bei Einführung des Greenings vor einigen Jahren enttäuscht: Der Flächenanteil sei zu gering, die möglichen Maßnahmen bringen nichts oder zu wenig. Die Landwirt*innen waren enttäuscht, da sie zusätzlichen, vor allem bürokratischen Aufwand haben oder Flächen aus der Produktion nehmen müssen und auch das in dem Wissen, dass es der Umwelt wenig bringt. Ein Grundproblem bisheriger Ansätze: Die Maßnahmen werden in Brüssel und ihre Umsetzung auf Länderebene bestimmt. Was für den individuellen Betrieb vor Ort möglich ist oder welche Arten und Lebensräume es konkret zu schützen gilt, kann dabei natürlich kaum berücksichtigt werden. Aus dieser Gemengelage entsteht Frust auf allen Seiten. Zuletzt sorgte das Insektenschutzpaket, das wieder vor allem Pauschalmaßnahmen enthält, von Umweltministerin Svenja Schulze und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner für Aufregung unter Landwirt*innen. Mit Grünen Kreuzen auf ihren Äckern üben sie sich derzeit in stillem Protest gegen die geplanten Maßnahmen, die aus Sicht vieler Betroffener zu weiteren Betriebsaufgaben und damit letztlich zu einem beschleunigten Strukturwandel hin zu größeren Betrieben führen wird. Wie ein lauter Protest von Landwirt*innen aussehen kann, ist derzeit in den Niederlanden zu beobachten, wo Traktoren schon mal die Autobahnen blockieren.

Warum ist es so schwer, konkrete Lösungen für eine nachhaltige Landwirtschaft zu finden?

Das beginnt schon mit der Definition von Nachhaltigkeit. Der Begriff stammt aus der Forstwirtschaft und wurde dort bereits im 18. Jahrhundert geprägt. Heute wird darin ein Dreiklang-Modell aus Ökologie, Ökonomie und Sozialem gesehen. In der öffentlichen Diskussion dominieren aber häufig die ökologischen Fragen. Aber eine Landwirtschaft, die zwar den Schutz der Umwelt ins Zentrum stellt, ist nicht nachhaltig, wenn sie den Bestand der landwirtschaftlichen Betriebe gefährdet oder nicht genügend Nahrungsmittel produziert. Umgekehrt kann eine Produktion, die auf maximale Erträge setzt, ohne die langfristigen Umweltauswirkungen zu berücksichtigen, nicht auf Dauer funktionieren.

Landwirtschaft ist voll von solchen Zielkonflikten. Soll Glyphosat als wichtiger Herbizidwirkstoff („Unkrautvernichtungsmittel“) ersetzt werden, bieten sich derzeit fast nur mechanische Maßnahmen an. Das bedeutet mehr und intensivere Bodenbearbeitung wie das Pflügen, was seinerseits wiederum das Bodenleben und die Bodenstruktur stark beeinträchtig. Das Ergebnis – ein Acker frei von Bewuchs – ist am Ende dasselbe.

Dabei ist die Verantwortung der Landwirtschaft groß. Der IPBES-Artenschutzbericht hat gezeigt, dass es vor allem die Landnutzung generell ist, die weltweit zum Artensterben beiträgt. Es muss also ein Ziel sein, so wenig Fläche wie möglich überhaupt landwirtschaftlich zu nutzen. Eine enorme Herausforderung, angesichts der steigenden Weltbevölkerung. Das erfordert produktive Systeme. In Europa, wo es anders als beispielsweise die tropischen Regenwälder in Südamerika, Afrika und Asien praktisch keine unberührte Natur mehr gibt, sind es aber vor allem Arten der Offenlandschaft, deren Bestände sich in den letzten Jahrzehnten verringert haben. Es handelt sich dabei um Arten, die prinzipiell auf die Bewirtschaftung, die Offenhaltung des Landes durch den Menschen angewiesen sind. Doch warum hat die Kulturlandschaft einst neue Lebensräume für diese Arten überhaupt erst geschaffen und kann sie heute nicht mehr bieten? Die Antwort nur in Pflanzenschutzmitteln zu suchen, greift zu kurz. Diese wurden in den letzten Jahrzehnter immer gezielter ausgebracht, ihre Toxizität hat deutlich abgenommen.

Artenvielfalt braucht Lebensraumvielfalt

Die Landwirtschaft schuf Lebensräume über Jahrhunderte nebenbei: Wegränder, Misthaufen, offene Böden. Doch mit der Zeit wurden die Flächen größer, Saumstrukturen wurden weniger. Misthaufen verschwanden aus den Dörfern, Güllebecken müssen heute luftdicht versiegelt sein, das erfordert der Emissionsschutz. Moderne Landtechnik ermöglicht es, unter fast allen Bodenbedingungen ein hervorragendes Saatbett zu schaffen und dichte Pflanzenbestände zu etablieren. So bleiben keine Lücken für Bodenbrüter oder Insekten, die für ihre Nester warme, offene Erde brauchen. Die Kulturlandschaft ist zu ordentlich, die Dörfer zu sauber. Das hat zu einem schleichenden Verlust von Lebensräumen und damit von ihren Bewohnern geführt. Aber kann man es Landwirt*innen heute zumuten, wieder unter Bedingungen wie vor 200 Jahren zu arbeiten? Sicher nicht, es müssen also andere Lösungen her.

Klatschmohn und Kornblumen an einem Weizenfeld (Foto: Robert Hoffie)

Politisch wird an dieser Stelle oft der Ausbau des Ökolandbaus gefordert. Doch auch dieser ist in seiner heutigen Form nur ein mäßiger Kompromiss. Der Verzicht auf synthetische Pflanzenschutzmittel ist willkürlich und hat nichts mit ihrem Gefahrenpotential zu tun. Weitere Einordnungen hinsichtlich Klimaschutz und Landverbrauch hat Peter Breuning im seinem letzten Text vorgenommen. Das Hauptproblem ist aber, dass Ökolandbau derzeit nur über die Abgrenzung zur konventionellen Landwirtschaft funktioniert. Menschen kaufen Produkte mit Bio-Label und geben dafür teils deutlich mehr Geld als für konventionelle Produkte aus, weil sie sich davon einen Vorteil gegenüber der konventionellen Produktion versprechen. Eine Förderung des Ökolandbaus auf Produktionsseite ohne gleichsam wachsende Nachfrage führt zu einem Preisverfall, den sich Biolandwirt*innen nicht wünschen können. Auf der anderen Seite würde eine zunehmende „Ökologisierung“ der konventionellen Landwirtschaft die Abgrenzung des Ökolandbaus erschweren und ihm so die Geschäftsgrundlage nehmen. Aber eine wirksame Veränderung der Landwirtschaft funktioniert nur in der Fläche. In einer Utopie würde dafür die Abgrenzung zwischen Ökolandbau und konventioneller Landwirtschaft einer Wirtschaftsweise weichen, die das Beste von allem zusammenführt.

Die Konzepte sind weitgehend fertig

Alle relevanten Akteure haben bereits gemeinsam Modelle erarbeitet. Im Projekt F.R.A.N.Z (Für Ressourcen, Agrarwirtschaft und Naturschutz mit Zukunft) arbeiten Naturschützer*innen, Landwirt*innen und der Bauernverband gemeinsam daran, standortangepasste Naturschutzmaßnahmen zu entwickeln, die der lokalen Flora und Fauna helfen, die sich vom jeweiligen Betrieb praktisch umsetzen lassen und sogar wirtschaftlich sind. Artenschutz wird so zu einem Betriebszweig, der Landwirt*innen ein Einkommen sichert und bei langfristiger Implementierung vor allem Planungssicherheit gewährleistet. Die Zwischenergebnisse und Berichte aus den Praxisbetrieben zeigen besonders, wie Vertrauen und Freude an der gemeinsamen Arbeit zwischen Naturschützer*innen und Landwirt*innen entstehen können.

Im November 2018 haben sich auf der Insel Vilm Vertreter*innen aus Landwirtschaft, Umweltverbänden und Behörden unter Federführung des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) zusammengesetzt und einen 11-Punkte-Plan „für einen gemeinsamen Weg zu mehr Biodiversität im Ackerbau“ erarbeitet. Auch darin wird deutlich, dass es vor allem äußere Faktoren wie komplizierte Bürokratie, Unklarheit über wirkungsvolle Maßnahmen, statische Förderprogramme und  Planungsunsicherheit sind, die Landwirt*innen davon abhalten, Maßnahmen zur Erhöhung der Biodiversität zu ergreifen. Der Wille aber ist da. Denn selbstverständlich profitieren auch die Betriebe selbst von einer artenreichen Umwelt. Erst eine produktive Landwirtschaft, die einerseits ausreichend und beständig Lebensmittel in guter Qualität produziert, die Landwirt*innen ein gutes Einkommen sichert und dabei auch eine artenreiche Kulturlandschaft erhält, kann den Dreiklang der Nachhaltigkeit erfüllen.

Derzeit laufen in der EU die Verhandlungen zur nächsten Reform der gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) nach 2020. Auch das dürfte ein Grund sein, weshalb sich Umweltverbände, Parteien und Landwirtschaftsverbände derzeit wieder eine besonders hitzige PR-Schlacht liefern. Angesichts der oft so konstruktiven und zielorientierten Zusammenarbeit in Projekten wie F.R.A.N.Z ist das absolut unverständlich. Denn dieser Streit wird auf dem Rücken der Landwirt*innen und der Umwelt ausgetragen. Wenn stattdessen alle Seiten verbal Abrüsten und gemeinsam daran arbeiten würden, die zusammen entwickelten Lösungsoptionen endlich auch politisch in der Breite umzusetzen, wäre auch für alle etwas gewonnen.

Zum Weiterlesen:

Artenschutz: Der große Feldversuch, Die Zeit [€]

Naturschutz in der konventionellen Landwirtschaft, W wie Wissen

Vortrag von Professor Werner Kunz, Uni Düsseldorf

Zum Weiterhören:

Ringen um neue Ackerbaustrategie, Deutschalndfunk Kultur

Robert Hoffie

Robert hat an der Uni Hannover Pflanzenbiotechnologie studiert. Jetzt ist er Doktorand am IPK Gatersleben und crispert dort an Gerste. Nebenbei versucht er sich in Wissenschaftskommunikation zu Gentechnik, Genome Editing und allem drum herum. Er twittert als @ForscherRobert.
Robert Hoffie

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