Das „Gegenteil“ von Agrarindustrie

Dies ist der zweite Teil der dreiteiligen Reihe Progressive Perspektiven für die Agrarwende, in der ich die Probleme des Agrarwende-Narrativs untersuche, und Lösungsansätze vorschlage.

Agrarwende als problematisches Gegennarrativ zur Agrarindustrie und fehlende Deutungskämpfe

Betrachtet man die agrarpolitische Landschaft in Deutschland fallen einem besonders zwei Gruppen auf, die einander relativ unversöhnlich gegenüberzustehen scheinen:

Die industrielle Landwirtschaft wird in Deutschland heute vor allem vom deutschen Bauernverband, großen Konzernen und wirtschaftsliberaler bis konservativer Politik getragen.

Mit der Agrarwende ist eine kraftvolle Gegenbewegung entstanden. Durch den wachsenden Druck der Öffentlichkeit muss die vorherrschende industrielle Landwirtschaft seit einiger Zeit „alte Selbstverständlichkeiten neu begründe[n]“1.

In Anbetracht der gewaltigen ökologischen und sozialen Probleme ist dieses Hinterfragen essentiell wichtig.

Für die Agrarwende streiten in Deutschland z. B. die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Umwelt-, Naturschutz-, Verbraucherschutz- und Hilfsorganisationen sowie verschiedene politische Parteien.2

Trotz aller Vielfalt ist die Agrarwende ein Narrativ mit relativ einheitlichen Ideen geworden. Neben den geschichtlichen Hintergründen, die ich in Teil 1 beschrieben habe, speisen sich diese Ideen vor allem aus der Abgrenzung zur industriellen Landwirtschaft.

Abgrenzung zur industriellen Landwirtschaft

Die Abgrenzung findet auf verschiedenen Ebenen statt.

Der wirtschaftsliberalen Ideologie wird eine soziale Ideologie entgegengesetzt. Oft sogar global verstandene Gerechtigkeit ist die Antwort auf das Streben nach individuellem Profit oder nationalen Exportüberschüssen.

Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die Versuche, insbesondere der Presseabteilungen von großen Konzernen, das agrarindustrielle Paradigma als „ideologiefrei“ darzustellen. So wird zur Verschleierung eigener Gewinninteressen das ganze System als „rational“ oder sogar „alternativlos“ erklärt.

Auf weltanschaulicher Ebene basiert die von Technik geprägte industrielle Landwirtschaft auf einem nüchternen Materialismus, interessanterweise obwohl viele Vertreter*innen christlich geprägt sind. Um sich auch in diesem Punkt deutlich abzugrenzen, musste die ökologische Landwirtschaft sich nur ein wenig auf ihre esoterischen Wurzeln besinnen.

Dass bei agrarindustriellen Aktiengesellschaften das (finanzielle) Wohl der Kapitalanleger*innen Grund und Zweck allen Handelns ist, wird nach Außen hin von der ganzen industriellen Landwirtschaft als „Humanismus“ verklärt. Es mag absurd erscheinen dieses Framing zu reproduzieren und sich dann davon abzugrenzen, aber große Teile der Agrarwende-Bewegung tappen genau in diese Falle. Auch hier vermute ich die Ursachen in der Geschichte. Anstatt, wie vermeintlich in der Agrarindustrie, wird hier oft nicht der Mensch, sondern „die Natur“ in den Mittelpunkt gestellt.

In der industriellen Landwirtschaft wird bevorzugt eine Naturwissenschaft betrieben, die einzelne Aspekte, wie Maschinen oder Wirkstoffe genauestens untersucht. Diese Art von „reduktionistischer“ Wissenschaft wird von vielen Vertreter*innen der Agrarwende als den komplexen agrar-ökologischen Systemen nicht angemessen empfunden. Stattdessen wird entweder ein holistischer, interdisziplinärer Ansatz verfolgt, oder aber Naturwissenschaft als Ganzes abgelehnt

Dass die industrielle Landwirtschaft den Begriff der „modernen Landwirtschaft“ für sich einnehmen will3, wird nicht etwa empört zurückgewiesen, sondern größtenteils akzeptiert und stattdessen ein traditionelles, rückwärtsgewandtes Landwirtschaftsbild romantisiert.

Für die Erklärung der in den vorangegangenen Absätzen beschriebenen Merkmale Esoterik, Ökozentrismus, Wissenschaftsfeindlichkeit und Rückwärtsgewandtheit habe ich Hinweise in den Ursprüngen der ökologischen Landwirtschaft gefunden, auf die ich im ersten Teil genauer eingehe.

Probleme der Agrarwende im politischen Diskurs

Anstatt die Selbstdarstellungen der industriellen Landwirtschaft in Frage zustellen, werden sie von der ökologischen Bewegung sogar reproduziert. Anstatt den Konzernen das angebliche Monopol auf menschenfreundliches Handeln und seriöse Naturwissenschaft zu entreißen, wird beides verurteilt.

Scheinbar werden nicht nur Deutungskämpfe vermieden, sondern auch das klare Formulieren der eigenen gesellschaftlichen Ziele. Die Agrarwende kämpft nicht gegen wirtschaftliche Ausbeutung, sondern gegen technische Methoden, die wirtschaftliche Ausbeutung begünstigen könnten.4

Vielleicht ist das ein Ausdruck der Resignation gegenüber dem entfesselten Kapitalismus, der selbst Grundnahrungsmittel auf dem Weltmarkt handelt und damit Leben oder Sterben zu einer Frage von Preisschwankungen an der Börse macht. Der Widerstand gegen eine neue Technologie, vor der bei den Menschen irrationale Ängste bestehen oder geschürt werden können, erscheint da einfacher.

Vielleicht ist es auch ein Versuch der, in die Mitte gerückten, grünen Bewegung, mehr bürgerliche Zustimmung zu bekommen. Von Menschen die zwar Fairtrade-Kaffee kaufen, um nicht selbst Schuld an globaler Ausbeutung zu tragen, aber nicht politisiert genug sind, um sich aktiv dagegen einzusetzen.

Scheinbar reicht der Mut gerade noch für das oberflächliche Bekämpfen der Symptome aber nicht für eine ernsthafte Betrachtung der Ursachen.

Harry Ebner und der Stein der Weisen

Wie in einem Fantasyfilm stehen sich „Agrarindustrie“ und „Agrarwende“ scheinbar unversöhnlich gegenüber. Das Engagement von Harald “Harry” Ebner gegen die Gentechnik wirkt, als wolle er den Stein der Weisen zerstören bevor dieser den dunklen Magiern bei Monsanto in die Hände fällt.

Diese Erzählungen funktionieren nicht nur auf der Leinwand.

Auf der anderen Seite bedeutet ein Hinterfragen des ökologischen, technischen oder wirtschaftlichen Status Quo der Industrie angeblich einen Rückfall in wahlweise Steinzeit, Mittelalter oder Kommunismus.

Aber was wäre, wenn beide Seiten die weltanschaulichen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Aspekte als jeweils unabhängig betrachten würden? Dann würde deutlicher werden, dass beide Seiten gute Argumente haben.

Vielleicht würde “Wissenschaftlichkeit” dann kein Argument mehr für private Bereicherung auf Kosten des globalen Südens sein und “Umweltschutz” nicht mehr esoterische Rituale bei Mondschein rechtfertigen.

Leider sieht es aber momentan so aus, als würden beide Seiten auf Sieg spielen und wären an einer Annäherung kaum interessiert.

Wenn man bedenkt, dass der Anteil an Bio-Lebensmitteln stetig steigt und ablehnende Vorurteile gegen neue Technik in der Landwirtschaft in der deutschen Öffentlichkeit weit verbreitet sind, könnte man denken, die Agrarwende sei auf einem Siegeszug. Es wird sogar an öffentlichen Universitäten an esoterischen Züchtungsverfahren gearbeitet.5

Ich bin aber davon überzeugt, dass sich die industrielle Landwirtschaft gegen diese Form der Agrarwende immer weiter durchsetzen würde.

Immer öfter schaffen modernste Techniken neue Formen der Landwirtschaft, die nicht nur ökonomisch sondern zunehmend auch ökologisch dem klassischen Bio-Landbau überlegen sind. Diese sind ressourcenschonender, kommen mit weniger Land aus oder mindern gesundheitliche Risiken. In die industriellen Landwirtschaft werden sie oft schnell integriert.

Obwohl sie vieles ermöglichen, was die Agrarwende-Bewegung seit Jahren fordert, überwiegt meist die Technikskepsis. Um diese Position zu verteidigen, werden auch wissenschaftliche Erkenntnisse nicht anerkannt. Sogar Entwicklung und Forschung an diesen Technologien wird oft bekämpft. Aber immer mehr Menschen wundern sich, dass der Gegenentwurf zur industriellen Landwirtschaft scheinbar nicht ohne das Verleugnen und Verdrehen des naturwissenschaftlichen Konsens auskommt.

Junge Menschen sind wie keine Generation vor ihnen mit einem Bewusstsein für die planetaren Grenzen aufgewachsen, aber auch mit modernster Technik und einer kritischen Wachsamkeit gegenüber Fake-News und Populismus.

Das Schüren von irrationalen Ängsten vor neuen Technologien scheint im Moment noch eine recht erfolgreiche Strategie zu sein. Die immer schwerer zu begründenden Widerstände gegen beispielsweise digitale oder biotechnologische Methoden werden aber auch in der Landwirtschaft irgendwann scheitern.

Bayer traut sich seine groß inszenierte Dialog-Offensive6 wohl nur deshalb zu, weil die Presseabteilung weiß, dass sie die besseren Argumente hat. Einen offen ausgetragenen Glaubwürdigkeits-Kampf kann die Agrarwende in dieser Form nur verlieren.

Das ahnen wohl auch die Akteur*innen der ökologischen Landwirtschaft und kapseln sich immer weiter ab.7

Die wissenschaftsfeindlichen und esoterischen Tendenzen sind pures Gold für die Industrie.

Verständlicherweise gehen viele junge Naturwissenschaftler*innen, gerade diejenigen, die an kontroversen Zukunftstechnologien forschen,  den einfachen Weg: Sie wenden sich ihren „Fans“ in der Industrie zu, anstatt sich mit denen auseinanderzusetzen, die die Ergebnisse ihrer Arbeit leugnen. Das könnte wiederum dazu führen, dass die Nutzung dieser Technologien weiter den Interessen des Kapitals untergeordnet werden und die emanzipatorischen und ökologischen Potenziale ungenutzt bleiben.

In der grünen Partei werden selbst Mitglieder der eigenen Jugendorganisation als „Zauberlehrlinge“ oder „Gentech-Lobby“ beschimpft, etwa wenn sie sich für die Anerkennung der Forschungsergebnisse in ihrem Studienfach einsetzen.

Dass es auch anders geht hat die grüne Bundestagsfraktion, trotz ihrer Agrartechnik-feindlichen Hardliner*innen, in anderen Bereichen längst gezeigt. Sie hält Konferenzen zum Thema „AI made in Europe“8, fordert ein „weltoffenes Land für freie Wissenschaft“9 und wirbt für „Kreativität und Erfindergeist als Treiber des Wandels“10.

Wenn sich nicht auch ökologisch-soziale Agrarpolitik und mit ihr die ganze Agrarwende radikal ändert, wird sie früher oder später an ihrer eigenen Arroganz zugrunde gehen.

Für weniger privilegierte Menschen, Klima und Artenvielfalt könnte das fatal sein.

Johannes Kopton

Johannes ist Mitgründer von progressiveAgrarwende, studiert Kybernetik, ist Mitglied in der Grünen Jugend und bei Bündnis90/DieGrünen Sachsen-Anhalt. Bei Plantix arbeitet er daran, die Ausbreitung von Pflanzenkrankheiten zu modellieren. Außerdem forscht er am Max-Planck-Institut Magdeburg an Prozessen, die Erdöl und Feldfrüchte durch Algen ersetzen sollen.
Johannes Kopton

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Einzelnachweise

  1. Sabine Gerlach, Cordula Kropp, Achim Spiller, Harald Ulmer (2005): Die Agrarwende – Neustrukturierung eines  Politikfeldes, Bundesministerium für Bildung und Forschung: Forschungsprojekt „Von der Agrarwende zur Konsumwende?“ (Hrsg.)
  2. s. Teil 1
  3. z. B. durch den Lobbyverband „Forum Moderne Landwirtschaft“
  4. Harald Ebner (MdB für Bündnis90/DieGrünen) sagte z. B. auf einer Veranstaltung in der es um den „Kampf gegen Gentechnik“ ging, das politische Vorgehen gegen Patente auf Lebewesen sei aussichtslos.
  5. zum Beispiel an bildschaffenden Methoden (https://de.wikipedia.org/wiki/Bildschaffende_Methode) an der Uni Kassel:
    https://kobra.uni-kassel.de/handle/123456789/2007041017616
    https://kobra.uni-kassel.de/handle/123456789/2007061118604
  6. dahinter verbirgt sich eine Imagekampagne, die versucht, für die Unbedenklichkeit seiner Produkte zu werben
    https://pr-journal.de/nachrichten/unternehmen/21017-monsanto-deal-treibt-bayer-zur-offensiven-auseinandersetzung-mit-kritikern.html
  7. Hier verweise ich zum Beispiel auf sog. „Diskussionsveranstaltungen“, bei denen nur Gentechnik-Gegner*innen eingeladen waren (z. B. http://calendar.boell.de/el/node/135769) oder die lange Liste an Wissenschaftler*innen, die von Renate Künast (MdB für Bündnis90/DieGrünen) auf Twitter blockiert wurden.
    Interessant ist hier auch dieser offene Brief von saat:gut e. V., indem sie den Stiftungsrat des „Forschungsinstituts für den Ökolandbau, Fibl Schweiz“ und den Vorstand des „Fibl Deutschland“ auffordern, den Direktor des FiBL Prof. Urs Niggli zum Schweigen zu bringen, nachdem er sich aufgeschlossen für gentechnische Methoden gezeigt hatte. http://www.saat-gut.org/downloads/Pressemitteilung_SaatguteV_07042016.pdf
  8. https://www.gruene-bundestag.de/forschung/ai-made-in-europe-ecological-fair-inclusive.html
  9. http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/19/064/1906426.pdf
  10. https://www.gruene-bundestag.de/files/beschluesse/Beschluss_Forschen.pdf

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