Abhängigkeit von Kunstdünger: Ist mehr Mist eine Lösung?

Die europäische Landwirtschaft ist abhängig von importiertem Kunstdünger – aber ob mehr Mist aus der Tierproduktion eine Lösung ist, habe ich in einer neuen Studie untersucht (auch ohne Bezahlschranke), die die Stickstoffbilanz in der Landwirtschaft analysiert. Der folgende Beitrag stützt sich dabei auf eine Zusammenfassung in Englisch, die umfangreiche Quellenangaben enthält.

(Diese Information gibt es auch in einfacher Sprache.)

In Anbetracht ihrer Abhängigkeit von importierten Düngemitteln will die EU Lösungen finden, um ihre Eigenständigkeit zu stärken und ihr Agrar- und Ernährungssystem krisensicherer zu machen. Das Europäische Parlament behauptet dabei z.B., dass Mist aus der Tierproduktion diese Abhängigkeit verringern kann, und dass eine Reduzierung der Tierbestände – und somit eine Reduzierung der „Produktion“ von Mist – den Pflanzenbau beeinträchtigen könnte.

Das ist allerdings eine Milchmädchenrechnung: EU-weit verbraucht die Tierproduktion erheblich mehr Stickstoff aus Kunstdünger, als sie über Mist an die übrige Landwirtschaft weitergibt. Das gilt selbst für grasbasierte Systeme mit Weidehaltung und Heuproduktion, wie in Irland, wo die Tierproduktion ein großer Nettoverbraucher von Kunstdünger ist.

Das liegt daran, dass Tiere die Nährstoffe im Mist nicht selbst produzieren. Vielmehr stammen die Nährstoffe im Mist letztlich aus dem Futter der Tiere. Bei Stickstoff beziehen Futterpflanzen diesen vor allem aus Kunstdünger und Mist (siehe Abbildung 1), sowie aus biologischer Fixierung, und atmosphärischen Einträgen.

Abbildung 1: Vereinfachter Kreislauf von Stickstoff in Kunstdünger und Mist. Der rote Pfeil ist groß und zeigt, dass viel Kunstdünger für Futter genutzt wird. Der grüne Pfeil ist klein und zeigt, dass nur ein Teil der Nährstoffe über Mist dann auf Felder für Nahrungspflanzen gelangt. (Quelle: Wenn Tiere Mist produzieren, warum brauchen Landwirtinnen und Landwirte dann noch Dünger?)

Das bedeutet, dass Stickstoff im Wesentlichen über Futterpflanzen und Gras in die Tierproduktion gelangt. Sobald sich der Stickstoff im System befindet, wird ein Teil davon lediglich über den Mist wiederverwertet und ein anderer Teil verlässt das System über tierische Produkte. (Ein weiterer Teil geht auch durch Verdunstung, Auswaschung und Oberflächenabfluss in die Umwelt verloren.)

Quelle: Geograph Britain and Ireland. Wikimedia Commons.

Ein entscheidender Punkt ist die Unterscheidung zwischen einer Betrachtung einzelner Felder oder des gesamten Systems: Einzelne Landwirt:innen können auf einem Feld Kunstdünger ohne große Ertragseinbußen ersetzen, indem sie mehr Mist von anderen Betrieben zukaufen (oder selbst auf anderen Flächen produzieren), aber die anderen Betriebe müssen dann ihrerseits Stickstoff gewinnen, durch zusätzlichen Kunstdünger oder die Nutzung zusätzlicher Flächen für den Anbau stickstoffbindender Pflanzen.

Obwohl der Stickstoffkreislauf insgesamt komplex ist, lässt sich die Frage, ob Kunstdünger durch mehr Mist ersetzt werden kann, vergleichsweise einfach beantworten: Wenn die Tierproduktion mehr Stickstoff aus Kunstdünger verbraucht, als sie über Mist an die übrige Landwirtschaft weitergibt, ist sie ein Nettoverbraucher von Kunstdünger.

Quelle: Environmental Protection Agency, EPA.

Meine neue Analyse hat genau das gezeigt: Die Tierproduktion verstärkt die Abhängigkeit der EU von Kunstdünger, anstatt sie zu verringern (siehe Abbildung 2). Natürlich ist es möglich die Bewirtschaftung und den Einsatz von Mist zu optimieren und den Bedarf an Kunstdünger zu senken, aber die Tierproduktion bleibt dennoch ein wesentlicher und struktureller Treiber des Nettoverbrauchs von Kunstdünger.

Abbildung 2: Flüsse von Stickstoff (N) von Kunstdünger in die Tierproduktion und von Mist aus dieser heraus. Der linke große rote Balken zeigt, wie viel Stickstoff aus Kunstdünger in die Tierproduktion fließt. Der kleine grüne Balken in der Mitte zeigt, wie (relativ) wenig Stickstoff dann von der Tierproduktion in die Produktion von Nahrungspflanzen fließt. Und der Text auf der rechten Seite stellt klar, dass das bedeutet, dass die Tierproduktion ein Nettoverbraucher von Kunstdünger ist. (Quelle: Livestock and fertiliser dependency: a nitrogen accounting perspective for the EU.)

Wenn Mist also keine Lösung ist, was dann? Da die Tierproduktion ein struktureller Treiber der Nachfrage nach Kunstdünger ist, kann eine Verringerung der Tierproduktion dazu beitragen, Stickstoffflüsse nachhaltiger zu gestalten und die Abhängigkeit des Agrar- und Ernährungssystems in der EU von Kunstdünger zu verringern. Eine Lösung um den Bedarf an Kunstdünger zu senken ist also nicht mehr, sondern weniger Tierproduktion.

Dass das möglich ist, zeigen andere Beiträge hier auf dem Blog der Progressiven Agrarwende, die z.B. erklären, dass das Fleisch der Zukunft aus einer Brauerei kommen kann, dank Fermentation; dass Bioreaktoren die Produktion von Fleisch ohne Schlachtung erlauben; oder dass wir Alternativen zu traditionellem Fleisch brauchen. Dass das wünschenswert ist – nicht nur, um unsere Abhängigkeit von Kunstdünger zu reduzieren – zeigen auch die „wahren“ Preise für Lebensmittel, die Umweltbelastungen mit einpreisen, und die für viel Aufsehen gesorgt haben, als Penny diese im Rahmen einer Aktion einführte.

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